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Wunderwuzzi Exchange Traded Funds

Indexbasierte Fonds sind im Vormarsch. Sie stehen für niedrige Kosten, rasche Handelbarkeit und hohe Transparenz. In Wahrheit sind sie viel komplexer als Fonds und als Anlageinstrument auch sehr beratungsintensiv.


Österreichs Fondsindustrie hat allen Grund zu klagen: Immer mehr Anleger flüchten angesichts der Unsicherheiten auf den Finanzmärkten durch die Schuldenkrise in den Industriestaaten aus ihren Investments und kehren klassischen Fonds den Rücken.
Bei den Anbietern von Exchange Traded Funds (ETFs), also börsegehandelten Fonds, die nichts anderes tun, als stur einen Index nachzubilden, herrscht dagegen Party-Stimmung. Dass indexbasiertes Anlegen eindeutig in Mode ist, hat einen guten Grund: Rasche Handelbarkeit, hohe Transparenz und Sicherheit sowie niedrige Kosten sind Eigenschaften, die leicht überzeugen. Was auf den ersten Blick nach der eierlegenden Wollmilchsau aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick allerdings als höchst komplexes und für die meisten Anleger entsprechend erklärungs- und beratungsintensives Konstrukt.
Trotzdem ist der Siegeszug solcher passiver Fonds, die ohne sophistiziertes Management auskommen, nicht mehr aufzuhalten. Weltweit waren Ende Juni rund 1,45 Milliarden US-Dollar in ETFs veranlagt, 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Europa hat sich das Volumen in den letzten drei Jahren auf rund 320 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Anleger können inzwischen aus mehr als 1.000 Produkten wählen. „Und täglich kommen neue dazu“, berichtet Ernst Huber, Vorstand des Online-Brokers direktanlage. at.

Tendenz steigend

Den europäischen Markt teilen sich aktuell 35 Anbieter. Drei Viertel des Volumens dominieren jedoch bloß fünf Gesellschaften: die BlackRock-Tochter iShares (33 Prozent Marktanteil), die Société Générale Group-Tochter Lyxor (15,1 Prozent), die Deutsche Bank-Tochter db x-trackers (15 Prozent), ETF Securities (6,4 Prozent) und Credit Suisse (5,2 Prozent). Thorsten Michalik, Leiter von db X-trackers, ist überzeugt, dass das Wachstumstempo anhält. „Die investierten Gelder werden sich in den nächsten drei Jahren neuerlich verdoppeln.“
Auch in Österreich läuft das Geschäft rund: Bahram Sadighian, iShares-Vertriebsdirektor für Österreich und Osteuropa, schätzt das veranlagte Volumen auf acht bis neun Milliarden US-Dollar, also rund sechs bis sieben Milliarden Euro. Das ist zwar noch ein Klacks im Vergleich zu den 140 Milliarden Euro, die in österreichischen Investmentfonds verwaltet werden. Doch die Tendenz ist klar steigend.
Ursprünglich waren ETFs für institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen, also Profis, gedacht. Inzwischen springen auch immer mehr Privatanleger auf den Zug auf. „In Österreich liegt ihr Anteil aktuell bei 15 Prozent und er nimmt monatlich zu“, berichtet Sadighian. Zum Vergleich: „In den USA beträgt er bereits fast 70 Prozent.“
Auf den ersten Blick scheinen Indexfonds ein durchaus probates Vehikel zu sein, um schnell und kostengünstig einen ganzen Markt wie zum Beispiel deutsche Blue Chips über einen ETF auf den DAX 30 in seinem Portfolio abzudecken.

Geringe Kosten

Schnell heißt: ETFs werden wie Aktien an der Börse gehandelt. Es werden fortlaufend Kurse gestellt, sodass man jederzeit ein- und aussteigen kann. Bei klassischen Fonds wird dagegen der NAV (Net Asset Value), also der Wert eines Fondsanteils, nur einmal täglich festgestellt. Für ETFs wird kein Ausgabeaufschlag verrechnet, sondern stattdessen gibt es eine Brief-Kurs-Spanne für Kauf und Verkauf sowie Ordergebühren.
Verblüffend sind zweifelsohne die geringen Kosten: Während aktiv geführte Aktienfonds im Schnitt 1,75 Prozent pro Jahr an Managementgebühren einbehalten, beträgt die durchschnittliche Gesamtkostenquote (TER = Total Expense Ratio) der ETFs 0,37 Prozent, also knapp ein Fünftel. Je liquider der Markt ist, umso geringer sind die Kosten: Im iShares DAX ETF beträgt die TER bloß 0,17 Prozent, im db x-trackers Euro STOXX 50 ETF sogar null.
„Exchange Traded Funds eignen sich nicht nur für kurzfristiges Trading, sondern auch für die langfristige Vorsorge“, meint Werner Wiedenbrig, Leiter Produktmanagement im Private Banking der Erste Bank Österreich. Denn die niedrigeren Kosten führen über den Zinseszinseffekt bei gleicher Performance zu einem höheren Anlageergebnis als herkömmliche Fonds. Beide Instrumente haben zumindest eines gemein: Sie genießen den Status von Sondervermögen. Das heißt: Wenn der Emittent pleite geht, bleibt das Anlagevermögen grundsätzlich unberührt. „Aber ETFs sind wesentlich komplexer als klassische Fonds“, gibt der Wertpapierexperte zu bedenken.

Komplexer als klassische Fonds

Das beginnt schon bei der Frage, nach welcher Konstruktionsart der Index abgebildet wird. Die beiden gängigsten Methoden sind physische oder synthetische Replizierung. Bei Ersterer, die vorwiegend vom Marktführer iShares praktiziert wird, hält der Anbieter die dem Index zugrunde liegenden Wertpapiere in seinem Portfolio, bei Zweiterer, der Domäne von db X-trackers, wird der Index über Swaps, also über Tauschgeschäfte mit einer Gegenpartei, meist einer Investmentbank, dargestellt. Das heißt, im ETF sind andere Titel enthalten als im Index. Ein konkretes Beispiel: Der DAX-ETF von db X-trackers enthält nicht die 30 größten deutschen Aktien (gemessen an der Marktkapitalisierung), sondern ein Portfolio, das zu 45 Prozent aus 17 DAX-Werten und zu 55 Prozent aus 33 Aktien von Unternehmen aus der Schweiz, USA, Frankreich, Japan, Italien, Niederlande und Luxemburg dargestellt ist.
Für Michalik ist das keineswegs ein Nachteil – denn: „Der Anleger bekommt immer die Performance des Index geliefert.” Durch den Swap im Hintergrund entsteht für den Anleger jedoch ein Kontrahentenrisiko, also ein Gegenparteirisiko. Es ist bei den meisten ETFs gesetzlich zwar auf zehn Prozent des Fondsvolumens begrenzt, aber dennoch existent. Und das ist auch noch nicht alles: In einem Worst Case-Szenario, wenn der Swap-Partner gänzlich umfällt, würde der Anleger nicht die 30 DAX-Werte, sondern das Ersatz-Portfolio erhalten. Michalik gibt für sein Haus Entwarnung: „Alle Swaps sind besichert, zum Teil bis zu 120 Prozent.”
Auch physisch replizierende ETFs haben durchaus ihre Tücken: Die im Fonds gehaltenen Wertpapiere werden nämlich meist gegen Gebühr verliehen. „Der Anleger weiß jedoch nicht an wen, in welcher Höhe und mit welchen Sicherheiten“, unkt Michalik.
Dass Indexfonds völlig transparent sind, wie die Anbieter gerne behaupten, ist somit glatt konterkariert. Zwar verraten neuerdings immer mehr Produzenten auf ihrer Website, nach welcher Replikationsmethode der jeweilige ETF aufgestellt ist. Welche Geschäfte im Hintergrund als Ertragsquelle laufen, bleibt aber weiterhin ein gut gehütetes Geheimnis. Auch die Produktpalette ist einigermaßen unüberschaubar geworden, seit man in Indices auch „short“ gehen, also leer verkaufen, oder durch Hebelwirkung die Wertentwicklung verstärken kann.

Dem Markt ausgeliefert

Swap-Strategie und Wertpapierleihe haben letztlich ein und dasselbe Ziel, nämlich Zusatzerträge zu erwirtschaften, um die karge Management Fee aufzufetten. Dieses Körberlgeld bleibt dem Anleger ebenfalls verborgen. Laut einer Studie der Deutschen Bank bringt die Wertpapierleihe rund 0,26 Prozent per anno und der ETF-Handel weitere 0,35 Prozent, in Summe also ein erkleckliches Zubrot zur Management Fee von durchschnittlich 0,40 Prozent. Nachdem die Kosten für Swap-ETFs deutlich unter jenen für die Verwaltung voll replizierender Produkte liegen, die Tauschgeschäfte und der Handel aber ein Nebeneinkommen bringen, sind die Produkte auf Derivativbasis für die Anbieter deutlich profitabler. Und das große Geld machen sie schließlich über die großen Volumina.
Wer in ETFs investiert, muss sich vor allem bewusst sein, dass man mit diesen Instrumenten immer nur jenen Ertrag erwirtschaften kann, den der Markt oder der Index hergibt und niemals eine Outperformance, die nur mit aktiv verwalteten Fonds möglich ist. Das heißt, „man investiert prozyklisch und ist dem Markt komplett ausgeliefert“, gibt Wiedenbrig von der Erste Bank zu bedenken.
Nun mag man argumentieren, dass vier Fünftel der Fondsmanager langfristig nicht in der Lage sind den Index zu schlagen. Das heißt umgekehrt aber auch, dass es einem Fünftel trotz höherer Verwaltungskosten gelingt den Marktdurchschnitt zu schlagen. Man muss diese Fonds jedoch penibler suchen.
Einen Nachteil der Indexfonds für den Privatanleger sieht Wolfgang Siegel-Cachedenier darin, „dass es in traditionellen Banken kaum Beratung zu diesen Produkten gibt.” Retailbanken und Vermögensberater sind klarerweise am Verkauf von ETFs kaum interessiert, weil sie mangels Ausgabeaufschlag (= Vertriebsprovision) sowie Kick-back-Provisionen, die bei klassischen Investmentfonds aus der Managementgebühr zurückfließen, nichts verdienen. Günther Hindinger, Geschäftsführer der Investis Vermögensberatung, meint dazu: „Wir empfehlen den Einsatz von ETFs nicht aktiv, weil wir bei einer kurzfristigen Strategieänderung nicht alle Kunden gleichzeitig kontaktieren können.”
Bei den Direktbanken sind ETFs dagegen bereits der große Renner, berichtet Siegel-Cachedenier: „Der durchschnittliche Handelsumsatz von Fonds liegt bei 6.000 bis 7.000 Euro, bei ETFs dagegen bei 10.000 bis 15.000 Euro. Mittlerweile entfallen drei Viertel aller Transaktionen im Fondsbereich auf ETFs.”
Auch im Private Banking und in der Vermögensverwaltung sind ETFs für die gängigen liquiden Märkte ein beliebter Ersatz für Fonds geworden. Selbst bei aktiven Fondsmanagern wie Raiffeisen Capital Management (RCM) sind sie längst salonfähig geworden. „Wir setzen ETFs aktuell in einigen unserer Fonds ein, vor allem, wenn es darum geht Assetklassen abzubilden, die wir selbst nicht managen und/oder wenn wir beabsichtigen, kurzfristiges Trading mit gewissen Assetklassen zu betreiben“, erklärt Geschäftsführer Mathias Bauer.
Der letzte Schrei sind überhaupt ETF-Fonds mit einer quantitativ festgelegten aktiven Asset Allocation und ausschließlicher ETF-Bestückung – wie ETF-Dachfonds P der deutschen Veritas Investment Trust, Spängler Iqam Equity ETF Global, ARERO-Der Weltfonds oder Portfolio TR Index ETF von db X-Trackers. Kurzum der Siegeszug der jungen Spezies ist nicht mehr aufzuhalten.

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ETF-Portfolios und ihre Besonderheiten

Der große Vorteil von ETF-Portfolios liegt für den Anleger in den niedrigeren Kosten der zugrunde liegenden Indexfonds im Vergleich zu herkömmlichen Dachfonds mit Subfonds. Dieser Vorteil kann rasch verloren gehen, wenn sich der Dachfondsmanager bei den Verwaltungskosten für die Asset Allocation großzügig bedient und/oder wenn er den Vertrieb fürstlich entlohnt. Dazu einige Beispiele:

Der ETF-Dachfonds P (DE0005561674) von Veritas Investment Trust kann zwar ohne Ausgabeaufschlag erworben werden. Der Fondsmanager genehmigt sich für seine Dienste allerdings eine Management Fee von 1,5 Prozent und eine Performance Fee von 15 Prozent, wenn zumindest fünf Prozent Ertrag erwirtschaftet wurden. Fazit: 2010 erreichte der Fonds eine stolze Gesamtkostenquote von 3,55 Prozent.

Im Dachfonds Spängler Iqam Equity ETF Global (AT0000A0BKU5) wird ebenfalls 1,5 Prozent Verwaltungsgebühr verrechnet sowie eine Performancegebühr von 20 Prozent der Outperformance gegenüber dem MSCI World EUR Net Index im Kalenderquartal. 2010 gab es keine Performance Fee. Die TER betrug 1,99 Prozent. Der Fonds kann nicht über die Börse, sondern nur über die traditionellen Vertriebswege mit einem Ausgabeaufschlag von bis zu fünf Prozent erworben werden.

Beim Portfolio TR Index ETF von db X-Trackers (LU0397221945) fallen dagegen nur 0,72 Prozent Gesamtkostenquote und kein Ausgabeaufschlag an.

Der ARERO-Der Weltfonds (LU0360863863) kommt sogar mit bloß 0,51 Prozent TER und ebenfalls ohne Ausgabeaufschlag aus. Er investiert allerdings nur auf den ersten Blick in ETF-Zielfonds. In Wahrheit werden die Indizes im Rahmen einer synthetischen Replikation über Swap-Geschäfte nachgebildet. Tatsächlich ist der Fonds in variabel verzinsliche Anleihen deutscher Bundesländer sowie Anleihen von Landesbanken mit Gewährsträgerhaftung investiert und tauscht die daraus resultierenden Zinserträge mit einer Investmentbank gegen den Ertrag der Indizes.

Tipps

Worauf man bei ETFs achten sollte

  • Sie müssen unbedingt eine klare Meinung zum Markt haben und prüfen, ob der gewählte Index tatsächlich Ihren Vorstellungen entspricht.
  • Seien Sie sich bewusst, dass man nie mehr Ertrag erwirtschaften kann, als der Index bietet.
  • Wählen Sie nur ETFs von Anbietern, die schon lange im Geschäft sind und eine große Produktpalette bieten.
  • Wählen Sie Anbieter, die große Volumina verwalten und handeln.
  • Achten Sie darauf, dass die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufspreis gering sind, sie sind ein Indiz für hohe Liquidität.
  • Bevorzugen Sie Produkte, die transparent darlegen, wie der Index dargestellt wird und die einen möglichst niedrigen Tracking Error aufweisen.