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Wohnen mit Weitblick

Ein offenes Wohngefühl und eine gute funktionierende Beziehung müssen Hand in Hand gehen, denn sonst kommt die Harmonie in den eigenen vier Wänden rasch abhanden. Gerade in einem Loft, wo Rückzugs- und Abgrenzungsraum oft fehlen.


Reihenhaus? Viel zu spießig! Altbauwohnung? Retro-Romantik für Innenstadt-Bobos! Wer sich zur knallharten Avantgarde zählt und wirklich hart im Wohnen ist, der lässt sich in den weiträumigen Gefilden einer alten Fabrik oder einer Lagerhalle nieder. Das kann fantastisch sein, hat aber auch seine Tücken. Das Loft, ein Begriff, der in den 1980er-Jahren aus dem „Big Apple“ mit, wie üblich, einiger Verspätung auch nach Europa herübergeschwappt ist, ist so etwas wie das architekturgewordene Bekenntnis zum Nonkonformismus. Wer sich den Luxus, mehrere hundert Quadratmeter freier Fläche nach dem eigenen Gutdünken zu gestalten, heute leisten will, sollte gut verdienen. Dabei entstand die Loft-Bewegung ursprünglich eigentlich aus der Not hungerleidender Künstler, die in New York viel Platz für ihre Arbeit brauchten und sich keine teure Bleibe leisten konnten. Deshalb wurden kurzerhand verfallene Industrieruinen in billigen – und meist gefährlichen – Gegenden annektiert und notdürftig bewohnbar gemacht: Zugige Fenster, Kanonenöfen zum Heizen und sanitäre Improvisationen, die jeder Beschreibung spotten, inklusive. Der mutigen Avantgarde folgten mit einigem Abstand dann die solventen Adabeis, die auch so glamourös wohnen wollten wie weiland Andy Warhol in seiner legendären „Factory“. Plötzlich waren Viertel wie Hell´s Kitchen, Tribeca oder der Meatpacking District „the place to be“. Auf diese Art und Weise haben sich mittlerweile viele New York Stadtteile quasi von selbst renoviert. Zuerst kauften die Hippster die heruntergekommenen Immobilien, danach zog mit coolen Boutiquen und den unvermeidlichen Werbeagenturen auch die Infrastruktur nach. Und dann auch die Preise: Sie zogen so lange an, bis sich die angestammte Bevölkerung selbige nicht mehr leisten konnte ... und woanders hinzog, wo sich das gleiche Spiel im Abstand von einigen Jahren wiederholte.

Fantasie und Finanzstärke

So ganz lässt sich die „Loft-Lage“ in Europa mit den amerikanischen Verhältnissen aber freilich nicht vergleichen, schon gar nicht in Österreich. Verfallene Stadtviertel mit Schnäppchenpreisen am Immobilienmarkt gibt es bei uns so gut wie gar nicht. Feine Objekte, die sich mit viel Fantasie und Finanzstärke umgestalten lassen, sind rar und wenn verfügbar, dann denkmalgeschützt, was die radikale Entkernung aufgrund der heimischen Gesetzeslage noch weiter verkompliziert. Dafür boomt in Österreichs Städten derzeit eine etwas verträglichere Form des offenen Wohnens. Wo auch immer möglich werden zum Beispiel in der Bundeshauptstadt Gründerzeithäuser mit Dachausbauten aufgewertet oder gleich neue Objekte hochgezogen. Diese „Mini-Lofts“ sind meist mit einem offenen, kombinierten Wohn-Esszimmer und großzügigen Terrassen ausgestattet. Mit der eigentlichen Idee, das Flair und die Rohheit alter Industriearchitektur wohnend zu genießen, hat das zwar wenig zu tun, für die Bauträger ist es in jedem Fall aber ein lohnendes Business. Eine 124-Quadratmeter-Dachwohnung mit drei Zimmern plus Bad schlägt, je nach Ausstattung, mit 600.000 bis 650.000 Euro ein ordentliches Loch ins Wohnbudget. In den Randbezirken gibt es vergleichbare Angebote dann schon um die Hälfte des Preises. So oder so: An Nachfrage mangelt es nicht. Denn wer angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Unsicherheiten sein Geld noch in Aktien statt in vergleichsweise sichere Immobilien investiert, ist entweder blitzgescheit, wahnsinnig mutig oder demnächst bettelarm.

Wie lebt sich’s im Loft?

Viel Licht fällt durch die deckenhohen Fenster, die Zimmerpflanzen danken es mit dschungelartigem Wachstum, kaum eine Tür hemmt den Blick ... herrlich oder? „Ja und nein, denn man muss in einer offenen Wohnung schon ein sehr gut eingespieltes Team sein, um auf Dauer glücklich zu werden. Gleiche Interessen und ein feines Gespür für die Einrichtung können zusätzlich nicht schaden,“ erklärt die Gynäkologin Dr. Eveline Witschko und ergänzt: „Ich lebe wahnsinnig gerne in großzügig angelegten Räumen. Wie viel Arbeit das macht, hätte ich mir vorher aber nicht mal im Traum gedacht. Theoretisch müssten wir jeden Tag die komplette Wohnung putzen. Und unser vier Monate alter Sohn bringt jetzt auch ganz schön Wirbel in die Bude. Aber: Das Licht, die Aussicht und die tolle Lage ... das ist den Aufwand schon wert!“

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Foto: istockphoto

Top Five für das Leben im Loft

  • Achten Sie auf „Gleichklang“ in der Beziehung: der fehlende Rückzugsraum erfordert viel Verständnis.
  • Ein Leben mit Kind(ern) ist in einem offenen Loft-Raum schwieriger, da auch hier der Rückzugsraum (für alle) fehlt.
  • Möbelstücke müssen besonders aufeinander abgestimmt sein, große Farbexperimente sind eher schwierig.
  • Planen Sie zusätzliche Kapazitäten einer Putzperle ein – offene Flächen verschmutzen schneller!
  • Überlegen Sie gut, wo sie fehlende Stauräume „verstecken“ können.

Vorsicht beim Einrichten

Jedes Möbelstück wirkt für sich in einem großen Raum ganz anders als in einer kleinen, vollgeräumten Wohnung. Wenn der Herr des Hauses die Idee, ein altes Motorrad hinter die Couch zu stellen, genauso toll findet wie die Gitarrensammlung als dekoratives Element an der Wand, Madame aber lieber ihre Porzellanpuppensammlung großflächig auf dem Sofa drapieren will, dann hat die offene Zweierbeziehung in einem Loft wohl schon von vornherein ein Ablaufdatum.
Doch zurück zum Thema vollgeräumt: In der Planungsphase sollte man auf keinen Fall auf Stauräume vergessen! Die paar Quadratmeter, die ein großer, begehbarer Schrank wegnimmt, lohnen sich in jedem Fall. „Frei herumstehende Staubsauger, Koffer oder Schuhe stören das loftige Wohnerlebnis mehr als man glaubt! Offene Räume verzeihen keinen Schlendrian und schon gar kein Staubfuzerl,“ mahnt Witschko aus ihrer Erfahrung als Loft-Bewohnerin. „Hier kann sich der Staub nämlich nirgendwo verstecken, der Lurch ist also omnipräsent und auch kaum zu übersehen.“ Wer nicht wirklich einen Hang zum Perfektionismus oder eine geradezu erotische Beziehung zu penibler Sauberkeit hat, sollte am besten simultan mit dem Innenarchitekten auch gleich eine wirklich gute und zuverlässige Putzperle engagieren.

Achtung Baby! Mental richtig eng kann es im weiten Raum werden, wenn plötzlich Nachwuchs vor der Tür steht. Zu zweit war noch alles wunderbar. Und dann werden im Handumdrehen schludrig Rigipswände hochgezogen, plötzlich liegt überall Babyspielzeug in der Gegend herum, Stoffwindeltürme stapeln sich ... und es gibt keine Möglichkeit, all das durch das Schließen einer Türe den mitleidigen Blicken allfälliger Gäste zu entziehen. Auch hier sind eine solide Planung und etwas Weitblick wichtiger als die perfekte Lage. Lieber ein oder zwei Räume mehr einkalkulieren, als am Ende entnervt die Flinte ins Korn zu werfen. Dann steht dem außergewöhnlichen Wohntraum nichts mehr im Wege.