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Wie gefährlich sind psychisch Kranke?

Gewaltdelikte hängen mit der individuellen Aggressionsbereitschaft, Alter und Geschlecht, einer eventuell aggressiven Prädisposition sowie externen Faktoren wie Alkohol oder Persönlichkeitsstörungen zusammen. Daten belegen, dass psychisch Kranke keineswegs „gefährlicher“ sind als der „Rest“ der Bevölkerung.


Foto: istockphoto

Verzerrung durch Medienberichterstattung

Mit jedem TV-Film, der tatsächlichen oder vermeintlichen „Wahnsinn“ ins Haus bringt, steigt die Gewissheit, dass schizophrene Patienten nicht nur gewaltbereiter, sondern auch weit gefährlicher sind als die Durchschnittsbevölkerung. Unterstützt wird das durch die Tendenz der Medien, derartige Kriminalfälle mit einer geradezu atemberaubenden Überrepräsentanz zu bedenken. Daraus resultiert nicht nur eine Realitätsverzerrung, die durch einen geringen Wissensstand zu diesem Thema noch unterstützt wird. „Angstlust“ ist ein weiterer Faktor und je höher der Anteil an Emotionalität, desto größer die daraus folgende Polarisierung. Das Thema wird gesellschaftsweit gleichsam durch die „Stammtischbrille“ gesehen. Univ.-Prof. Dr. Hans Schanda versuchte, anlässlich des Symposiums „Wegweiser Psychiatrie“ dieses Bild zu korrigieren und näher an die völlig anders geartete Realität heranzurücken. Vergleicht man die tatsächliche Häufigkeit von Delikten mit deren medialer Präsenz, so bewahrheitet sich in erschreckender Weise die alte Journalistenwahrheit „only bad news is good news“ – zulasten jener, die psychisch krank sind und ein Delikt begehen.
Zu den Faktoren, die mit Gewaltdelikten in Zusammenhang stehen, gehören die individuelle Aggressionsbereitschaft, Alter und Geschlecht, eine eventuelle aggressive Prädisposition sowie externe Faktoren wie Alkohol oder Persönlichkeitsstörungen. Bei psychisch Kranken kommen dazu: die Art der Erkrankung sowie Wechselwirkungen zwischen der Erkrankung und anderen Faktoren.
US-amerikanische Studien aus den 1920er- und 1930er-Jahren fanden heraus, dass psychisch Kranke sogar seltener Gewaltdelikte begehen als die Normalbevölkerung. Daten aus den 1970er-Jahren – ebenfalls aus den USA – registrierten allerdings bei an Schizophrenie leidenden Patienten nicht nur eine höhere Zahl an Festnahmen wegen Gewalttaten, sondern auch in vermehrtem Maße Tötungsdelikte.
Wenngleich exogene Faktoren natürlich immer eine Rolle spielen, kann nicht geleugnet werden, dass es eine Subgruppe psychisch Kranker gibt, bei denen ein erhöhtes Risiko für gewalttätiges Verhalten besteht. Bei Tötungsdelikten ist dieses Risiko um den Faktor 8,8 erhöht – bei Frauen deutlicher als bei Männern. Diese Risikoerhöhung ist jedoch deutlich geringer als die bei Alkoholismus, da bei dieser Personengruppe das Risiko für Tötungsdelikte um das 10,7-Fache (Männer) bzw. das 37,7-Fache (Frauen) höher liegt als jenes der Allgemeinbevölkerung.
Von Bedeutung ist, dass bei unter Schizophrenie leidenden Patienten Alkoholmissbrauch dreimal häufiger, Drogenmissbrauch sechsmal häufiger als bei der Allgemeinbevölkerung zu finden ist. Die immer wieder zitierte paranoide Symptomatik allein ist kein verlässlicher Prädiktor für Gewalttätigkeit, wesentlich ist vor allem dessen besondere Affektgetragenheit. In jedem Fall muss eine Vielzahl von Faktoren ineinander greifen, ehe es zu einem Gewaltakt kommt.

Bedrohung für die Allgemeinheit?

Um das tatsächliche Bedrohungsszenario für die Allgemeinheit abzuschätzen, müssen die genannten Risikosteigerungen allerdings mit der Häufigkeit der Erkrankung in Bezug gesetzt werden. Mit der sogenannten „Population Attributed Risk Fraction“ kann der Anteil der von Menschen mit Psychosen begangenen Gewaltverbrechen dargestellt werden – das ist jener Wert, um den die Gesamtkriminalität sinken würde, wenn es keine endogenen Psychosen gäbe. In diesem Fall würde die Gewaltkriminalität lediglich um 5 % sinken. Das zeigt dramatisch die generelle mediale Fehldarstellung der Situation.
In den letzten 20 Jahren betrug die durchschnittliche Zahl der Exkulpierungen und jährlichen Einweisungen zurechnungsunfähiger psychisch Kranker 3,5. Direkt gefährdet von schweren Gewalttaten psychotischer Patienten sind nur selten unbeteiligte Personen, sondern vielmehr Personen aus der engsten Umgebung – vor allem aus Familie und Freundeskreis. Es gilt: je enger die Beziehung zum Täter, desto schwerer die Gewalt.

Zwischen Märchen und Realität

In Filmen wird häufig das besonders raffinierte Vorgehen psychotischer Täter beschrieben. Die Realität widerspricht diesem Medienmärchen. Eine Untersuchung an zurechnungsunfähigen Tötungsdelinquenten konnte zeigen, dass 15 % einen Selbstmordversuch begehen, 25 % rufen selbst die Polizei, über 50 % werden noch am Tatort festgenommen, insgesamt 88 % sind binnen 24 Stunden in Haft.
Nicht die Schizophrenen sind gefährlich, betroffen sind vor allem Schwerstkranke mit einer ausgeprägten Wahndynamik, häufig mangelhafter Compliance und einer hohen Zahl an Therapieabbrüchen. Der wichtigste Prädiktor für Gewalt ist gewalttätiges Verhalten in der Vergangenheit.
Das Thema „Psychose und Gewalt“ lässt sich aber auch im Sinne einer Betrachtung, inwieweit psychisch Kranke selbst unterschiedlichen Formen der Gewalt ausgesetzt sind, umkehren. Faktoren wie Armut und Verelendung führen in Zusammenhang mit der Psychose grundsätzlich zu höherer Morbidität und Mortalität. Eine große dänische Studie wies ein zehnfach höheres Suizidrisiko aus, weiters häufigere Todesfälle durch Unfall und Mord.

Gewalt an Betroffenen

Psychisch Kranke werden oft Opfer von physischer Gewalt. Sie werden statistisch signifikant häufiger vergewaltigt, bestohlen oder ermordet als psychisch Gesunde. Psychotische Patienten sind aber auch weniger offensichtlichen Formen der Gewalt ausgesetzt. Dazu gehören etwa soziale Isolation, geringes Einkommen, höhere Schuldenbelastung, seltener Internetzugang und Handybesitz. Auch heute ist das größte Ghetto, in dem sich psychisch Kranke bewegen – die Straße. Schanda abschließend: „Aggression ist nicht ein auf psychisch Kranke beschränktes Phänomen. Der Anteil psychisch Kranker an der Gewaltkriminalität ist gering. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei einer kleinen Subgruppe vor allem psychotischer Patienten ein gut belegter Zusammenhang zwischen Erkrankung und Delinquenz besteht. Exakt diese Subgruppe hat aber auch ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst Opfer von Gewalt zu werden. Insgesamt sind psychisch Kranke nach wie vor Opfer von indirekter Gewalt – vor allem durch Ausgrenzung, Vernachlässigung und Demütigung.“                    ws