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Symbiose von Geld und Medizin

Univ.-Prof. Dr. Judit Simon, Österreichs erste Professorin für Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Universität Wien, im Wordrap


Foto: zvg

Für ein Medizinstudium und später für Gesundheitsökonomie habe ich mich entschieden, weil … ich schon als Kind zuerst Tieren und dann Menschen helfen wollte. Nachdem ich Medizin zu studieren begonnen hatte, bekam ich durch meine Eltern (beide Mediziner) Einblick in die Unzulänglichkeit und Ungerechtigkeit des ungarischen Gesundheitssystems. Deshalb entschied ich mich (im vierten Jahr meines Medizinstudiums), Wirtschaft zu studieren und nachher eine Ausbildung in Gesundheitsökonomie zu machen. Als Nachwuchsforscherin in diesem Bereich in Großbritannien (Entwicklung von Leitlinien für klinische Entscheidungen) fand ich den Beruf, der mich mit Leidenschaft erfüllt und der meinem Interesse für populationsbasiertes Denken, wie es im Bereich der öffentlichen Gesundheit üblich ist, entspricht.

Der Stellenwert von Gesundheitsökonomie in Österreich ist … klar zunehmend. Um jedoch gesundheitsökonomisches Denken zu akzeptieren und umzusetzen, braucht es eine Kultur der transparenten und evidenzbasierten Entscheidungsfindung im Gesundheitswesen.

Entwicklungen in der österreichischen Gesundheitsökonomie, die ich befürworte, sind … (1) das zunehmende öffentliche Interesse daran; (2) die Einrichtung entsprechender Abteilungen an öffentlichen Institutionen; (3) die neuen Möglichkeiten, relevante Lehrinhalte an Studierende unterschiedlicher Studienrichtungen zu vermitteln; (4) die Anteilnahme der Öffentlichkeit im Zuge von Reformen im Gesundheitswesen und (5) die verschiedenen Möglichkeiten, Personen die in diesem Bereich tätig sind, in formellen und informellen Settings zusammenzubringen.

… und jene, die ich weniger gut finde, sind … die Verwirrung darüber, was Gesundheitsökonomie ist und deren Verwechslung mit Gesundheitspolitik und -Management; der Mangel an zweckgebundenen Mitteln für angewandte Forschung auf dem Gebiet der Gesundheitssystemforschung und Gesundheitsökonomie und der limitierte Zugang zu relevanten Daten.

Zweiklassenmedizin in Österreich ist … offiziell nicht vorhanden, aber sie existiert. Genaugenommen gibt es über eine Million an privaten Krankenversicherungen und über 2,5 Millionen Zusatzversicherungen in Österreich. Strittig ist deren Einfluss auf Ressourceneinsatz und Outcome im österreichischen Gesundheitssystem, darüber gibt es wenige verlässliche Zahlen. Aus meiner Sicht ist das Ausmaß privater Zuzahlungen, trotz öffentlicher Abdeckung, ein noch größeres Problem.

Was Medizin und Wirtschaft gemeinsam bzw. nicht gemeinsam haben, ist … dass sich beide mit der Entscheidungsfindung unter limitierten Ressourcen beschäftigen. Während sich jedoch die Medizin hauptsächlich mit der individuellen Person beschäftigt, ist die Ökonomie eine populationsbasierte Sozialwissenschaft.

Um zu funktionieren, muss Prävention künftig … bereits im frühen Kindesalter beginnen. Für Erwachsene sollten Anreizsysteme vorgesehen werden. Sie sollte auch in der Ausbildung in Gesundheitsberufen mehr berücksichtigt werden.

Ich möchte in meiner Position gerne verändern, dass … * sich die neuen Ärztegenerationen Fragen der Effizienz und Gerechtigkeit bewusst sind; * dass junge Leute die Möglichkeit haben, langfristig eine akademische Laufbahnen einzuschlagen;  * dass das Ausmaß an Evidenz, welche durch unabhängige Forschung erzeugt wird, weiter steigt und  * dass sich in Österreich die Kultur transparenter Bereitstellung von Information und Entscheidungsfindung weiterentwickelt.

Die österreichische Gesundheitsökonomie sehe ich in 20 Jahren … als anerkannte Größe im Gesundheitswesen.

Für das heimische Gesundheitswesen wünsche ich mir … ein Gesundheitssystem, das den zunehmenden Herausforderungen der steigenden Häufigkeit chronischer Erkrankungen in der Bevölkerung gewachsen ist, in welchem die Prävention einen größeren Stellenwert einnimmt.

Einen Ausgleich zu meinem Beruf finde ich … in meinen Kindern. bw

Die gebürtige Ungarin Judit Simon besitzt ein Doktorat in Medizin aus dem Jahr 2000, einen Bachelor in Wirtschaft und einen weiteren für medizinische Übersetzungen von der Universität Szeged in Ungarn. An der University of York in Großbritannien schloss sie 2001 zudem einen Master of Science für Gesundheitsökonomie ab und 2008 ein Doktorat für Public Health an der Universität Oxford. Simon bekleidete Stellen am University College London, an der London School of Economics and Political Science und am Forschungszentrum für Gesundheitsökonomie des Nuffield Department of Population Health an der Universität Oxford, wo sie weiterhin als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist.
2013 wurde Judit Simon zur Professorin für Gesundheitsökonomie und zur Leiterin der Abteilung für Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Universität Wien ernannt. 2014 verbrachte sie als Gastprofessorin für Cognitive Health Economics am Department für Psychiatrie der Universität Oxford.
Judit Simon hat zahlreiche Forschungsprojekte geleitet, war intensiv in der Lehre tätig, ist Mitglied in mehreren Organisationen und Reviewer für Fachjournale. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich kosteneffizienter Maßnahmen für psychisch Erkrankte, die Operationalisierung von Lösungsansätzen für die Ergebnismessung in der Forschung der psychischen Gesundheit, kosteneffiziente klinische Leitlinienentwicklung, breitere System-ebenenevaluierung und internationaler Vergleich von Gesundheitsleistungen sowie vergleichende Forschung zu Gesundheitssystemen und Rationierung im Gesundheitswesen mit besonderem Augenmerk auf Länder mit Übergangswirtschaft.