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Sexuelle Gesundheit und Diabetes

In Österreich sind rund 9 % der Bevölkerung an Diabetes mellitus erkrankt. Neben den klassischen Diabeteskomplikationen wie Herz-Kreislauf- und Nieren-erkrankungen oder der Retinopathie sind auch Sexualfunktionsstörungen häufige Komorbiditäten.


Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Universitätsklinik für Innere Medizin III der Medizinischen Universität Wien, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel und Leiterin der Gender Medizin Unit der Medizinischen Universität Wien

Obwohl laut WHO die sexuelle Gesundheit ein wesentlicher Bestandteil des allgemeinen Wohlbefindens ist und Störungen die Lebensqualität stark beeinträchtigen können, wird dies in der Praxis meist vernachlässigt. Dabei handelt es sich hierbei um Folgeschäden der Stoffwechselerkrankung, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen können. Gerade bei Frauen mit Diabetes wird aber das Thema Sexualität selten beachtet, bei Männern ist es zumindest die erektile Dysfunktion, die thematisiert und therapiert wird.
Verminderung oder Verlust von sexuellem Verlangen, sexueller Erregung sowie Schwierigkeiten oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Orgasmusprobleme sind nur einige der Herausforderungen, die Frauen mit Diabetes zusätzlich zu ihrer Grunderkrankung zu bewältigen haben, die jedoch selten den Weg zu einer adäquaten Therapie finden. Metaanalysen und Studien aus den USA zeigen deutlich, dass Sexualstörungen mehr als doppelt so häufig bei prämenopausalen Diabetikerinnen wie in einer Kontrollgruppe auftraten. Risikofaktoren sind die Diabetesdauer, höheres Alter, Übergewicht, Diabetes-Komplikationen und Depressionen. Neben einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung müssen auch psychosoziale und kulturelle Faktoren berücksichtigt werden. Eine gute Stoffwechseleinstellung, mediterrane Ernährung, das Vermeiden von starkem Übergewicht und ausreichend Bewegung sind auch für die sexuelle Gesundheit wichtig. Bei der Wahl der Diabetesmedikamente ist neben der Effizienz auch das Nebenwirkungsprofil der Medikamente im Sinne einer personalisierten Therapie zu beachten.

Nachgefragt bei ...

... Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Universitätsklinik für Innere Medizin III der Medizinischen Universität Wien, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel und Leiterin der Gender Medizin Unit der Medizinischen Universität Wien

Warum und wie beeinträchtigt Diabetes die Sexualität?
Alexandra Kautzky-Willer: Der Diabetes beeinträchtigt die Sexualität auf vielfältige Weise, wobei auch zwischen den verschiedenen Diabetesformen unterschieden werden muss. Beim Typ-1-Diabetes stehen die Hyperglykämie und gegebenenfalls Spätkomplikationen wie eine diabetische Neuropathie oder eine diabetische Vaskulopathie im Vordergrund, beim Typ-2-Diabetes spielt zusätzlich und schon von Beginn an Übergewicht bzw. Adipositas eine wesentliche Rolle. Während bei Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes ähnlich hohe Prävalenzen von Sexualstörungen beschrieben sind, sind die Zahlen bei Männern in den verschiedenen Studien recht divers. So wurden in einer rezenten Studie bei Männern mit erektiler Dysfunktion große Unterschiede zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes gefunden. Der höhere BMI beim Typ-2-Diabetes korrelierte am besten mit dem Ausmaß der sexuellen Dysfunktion, während der HbA1c und die Diabetesdauer nicht stark assoziiert waren. Adipositas ist häufig mit „late onset Hypogonadismus“ verbunden, wobei hier eine wechselseitige Beeinflussung der beiden Probleme gegeben ist. Eine Verminderung der Adipositas besonders des viszeralen Fetts trägt auch beim Diabetes meist zu einer Verbesserung der Sexualität bei. Während eine erektile Dysfunktion bei diabetischen Männern klar wahrgenommen wird, sind Sexualstörungen der Frau, wie verminderte Lubrikation, verminderte Libido, Orgasmusstörungen, Schleimhautirritationen oder Schmerzen beim Verkehr generell und so auch beim Diabetes schwerer erfassbar und seltener thematisiert. Neben vaskulären und neurogenen Störungen spielen in der multikausalen Atiologie der Sexualstörungen von Männern und Frauen mit Diabetes auch hormonelle und psychische Komponenten wie vermehrter Stress durch die Erkrankung eine Rolle. Neben einer Dysbalance der Sexualhormone, wie beim Diabetes oder Adipositas oft vorliegend, kann auch das zusätzliche Vorliegen von anderen endokrinen Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen zum höheren Risiko für Sexualstörungen beim Diabetes beitragen.

Sind Sexualstörungen bei Diabetikern häufig und wenn ja, warum?
Studien belegen, dass Männer und Frauen mit Diabetes wesentlich häufiger, ungefähr doppelt so oft wie Menschen ohne Diabetes, an Sexualstörungen leiden. Für Diabetikerinnen wurden zwei- bis dreifach höhere Raten an verminderter Libido, Erregbarkeit, Orgasmusstörungen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr berichtet, bei Männern haben in Studien altersabhängig die Hälfte bis zwei Drittel Sexualfunktionsstörungen. Die Ursachen sind wie bereits erwähnt vielfältig, neben biologischen Veränderungen spielen auch psychische Probleme bei der chronischen Erkrankung Diabetes eine bedeutsame Rolle. Bei beiden Geschlechtern können Sexualfunktionsstörungen auch Ausdruck einer endothelialen Dysfunktion bzw. bereits manifester Atherosklerose sein. Deshalb ist in diesen Fällen auch ein Check auf Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems wichtig. Gerade bei Männern kann eine erektile Dysfunktion das erste Warnsymptom eines drohenden Herzinfarkts sein. 

Welche Rolle spielt der Blutzuckerwert im Zusammenhang mit Sexualstörungen?
Bei Frauen kann ein stark erhöhter Blutzucker unter anderem zur Verminderung der Lubrikation und dadurch auch zu Schleimhautirritationen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr beitragen. Auch treten Urogenitalinfekte bei Hyperglykämie öfter auf, die natürlich auch auf die Sexualität Auswirkungen haben. Generell ist eine gute Stoffwechselkontrolle zur Vermeidung von Spätkomplikationen bzw. von Comorbiditäten wichtig. Allerdings ist ein multifaktorielles Management notwendig, das über eine reine Verbesserung der Hyperglykämie hinausgeht. So müssen auch die Kontrolle des Blutdrucks und der Blutfette und das Gewichtsmanagement in der Behandlung eingeschlossen sein. Dabei müssen aber auch potenzielle Medikamenten-Nebenwirkungen im Hinblick auf die Sexualfunktion vor allem bei Antihypertensiva berücksichtigt werden. Das Erkennen bzw. Behandeln einer Depression bzw. psychischer Probleme beim Diabetes ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie-Optionen. Dabei muss wieder bedacht werden, dass auch bestimmte Antidepressiva über Veränderung des Prolaktinspiegels negative Auswirkungen auf die Sexualfunktion haben können. Neben einer guten Blutzuckereinstellung und dem Vermeiden von Spätkomplikationen wie einer Vaskulopathie oder Neuropathie ist auch eine Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes und der Lebensqualität, Rauchstopp, viel Bewegung, mediterrane Ernährung und allgemein eine Gewichtsabnahme bei Übergewicht/Adipositas sinnvoll. Medikamentös kann individuell auch eine Hormontherapie bzw. eine Therapie mit PDE-5 Inhibitoren helfen.

Betrifft das Thema Männer und Frauen gleichermaßen?
Im Prinzip ist das Ausmaß in Studien bei beiden Geschlechtern vergleichbar, auch die Ursachen wie Störungen der Durchblutung, der genitalen Innervation, oxidativer Stress, Hormonstörungen etc.; allerdings wird Sexualität bei Frauen weniger ärztlich thematisiert und auch die Quantifizierung der Störungen und die medikamentöse Therapie sind bei der Frau schwieriger. Adipositas könnte bei Frauen noch mehr als bei Männern vor allem über eine stärkere psychische Belastung die Sexualität beeinträchtigen, auch kulturelle Faktoren sind bei Frauen wichtiger. In Studien betrafen die Sexualstörungen aber hauptsächlich prämenopausale Frauen, während bei Männern das Risiko mit dem Alter ansteigt. Möglicherweise belasten Frauen mit Diabetes in der reproduktiven Phase auch Ängste rund um eine mögliche Schwangerschaft; bei Diabetes soll die Blutzuckereinstellung ja perikonzeptionell normnahe sein, um einer diabetischen Embryopathie vorzubeugen.

Wie gelangen Betroffene überhaupt zu einer passenden Diagnose?
Dazu muss das Thema entweder von den Betroffenen selbst, was meist nur bei stärkerem Leidensdruck bei Männern passiert, oder von ärztlicher Seite angesprochen werden. Genau das ist aber immer noch selten in der Praxis der Fall. Viele Ärzte und auch Patienten fühlen sich beim Thema Sexualität nicht wohl, Ärzte auch überfordert, das Thema ist erstaunlicherweise und im Gegensatz zu anderen Bereichen („sex sells“) in der Medizin immer noch tabuisiert – und das obwohl die WHO die Sexualität klar als Teil der körperlichen und seelischen Gesundheit definiert hat. Während bei Männern aber die erektile Dysfunktion klar definiert ist, ist das wie gesagt bei Frauen schwerer. Es gibt aber validierte Fragebögen, die die Diagnostik erleichtern. Außerdem entscheidet der Patient für sich selbst, wie Sexualität erfüllend er- und gelebt wird und ob ein Behandlungsbedarf gegeben ist. Das kann individuell sehr unterschiedlich sein.
Wichtig wäre zumindest ein jährliches Screening mittels einer Sexualanamnese. Nach aktuellen Erhebungen wünschen sich die Patienten, auch von ihren Ärzten darauf angesprochen zu werden.

Welche Rolle spielt der Hausarzt oder Diabetologe?
Am ehesten suchen Männer bei spezifischen Problemen Urologen auf, bei Frauen ist es aus besagten Gründen noch schwieriger. Der Diabetes bedarf eines interdisziplinären Managements, insofern kann dies sowohl internistisch/diabetologisch als auch durch andere geschulte Ärzte erfolgen. Die Sexualanamnese sollte einfach in die regelmäßigen Check-ups integriert werden und bei Bedarf eine weitere Abklärung bzw. eine Behandlung nach entsprechender Beratung erfolgen.

Die Psyche ist ein besonderer Aspekt bei chronische Krankheiten und bei Tabuthemen wie Sexualstörungen – wie schwer ist es hier überhaupt, zu einer passenden Diagnose zu kommen?
Die Psyche spielt neben biologischen und sozialen Faktoren in allen Gesundheitsthemen eine Rolle und ganz besonders im Bereich der Sexualität. Wenn keine biologischen Ursachen vorliegen und psychische Ursachen im Vordergrund stehen, können auch psychotherapeutische Maßnahmen hilfreich sein.

Was können Betroffene selbst beitragen?
Wichtig ist ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung und mediterraner Ernährung, also Fisch, Geflügel, Gemüse, Vollkornprodukte, Ballaststoffe, Obst in Maßen, Nikotinabstinenz, und das Vermeiden von Übergewicht bzw. eine Gewichtsreduktion, falls schon Übergewicht vorliegt. Das hat in vielen Studien gute Erfolge gebracht. Außerdem ist auf eine gute Stoffwechselkontrolle zu achten und das Thema beim Arzt des Vertrauens anzusprechen, falls nicht von selbst nachgefragt wird.

Wenn Sie drei Wünsche zum Thema frei hätten, was wären Ihnen wichtige Anliegen?
Dass wir in Zukunft noch bessere Diagnose- und Therapieoptionen haben, vor allem auch für die Frauen; dass die Ausbildung der Studierenden in Sexualmedizin noch besser wird; und dass das Thema medizinisch in die Diabetes-Behandlung bei beiden Geschlechtern fix integriert ist. Ich sehe das auch als eine Teilaufgabe der Gendermedizin, die ja auf dem biopsychosozialen Zugang beruht und nach einer Verbesserung der Gesundheit und Lebensqualität von Männern und Frauen strebt. Sexualität gehört dazu. Deshalb werden wir in den gerade im Aktualisierungsprozess befindlichen Praxisempfehlungen beim Kapitel geschlechtsspezifische Behandlungsaspekte auch das Thema Sexualität wesentlich ausführlicher behandeln. rh