Schmerzversorgung in Österreich: Dringender Handlungsbedarf!
Der aktuelle Schmerzbericht, der kürzlich von JOANNEUM RESEARCH präsentiert wurde, stellt die aktuelle Situation sowie Strukturen und Prozesse in der Schmerzversorgung dar und zeigt dringenden Handlungsbedarf auf.
Schmerz, besonders chronischer Schmerz, ist ein weit verbreitetes Problem in der Bevölkerung, das zu enormer Belastung der Patienten, der behandelnden Ärzte wie auch des Gesundheitswesens führt. In Österreich leiden mehr als 20 Prozent der Erwachsenen an chronischem Schmerz, das sind rund 1,7 Millionen Menschen. Im Bericht des JOANNEUM RESEARCH wurden Informationen zur Epidemiologie und Leitlinien zusammengefasst, Versorgungsstrukturen und -prozesse mittels Literaturrecherche und einer Umfrage erhoben, ökonomische Auswirkungen abgeschätzt sowie Empfehlungen abgegeben. „Ziel ist es, Empfehlungen für die Optimierung und Weiterentwicklung der Versorgung von Patienten mit chronischem Schmerz zu geben“, so die Autorin des Berichts Louise Jane Schmidt, M.Sc., Institut für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften.
Zu wenige Ambulanzen, zu wenige Ärzte
„Bei über 440.000 Österreichern ist der Schmerz als schwerer Dauerschmerz zu bezeichnen“, weiß Schmidt. Umfragen zeigen, dass Schmerzbetroffene in Österreich lange leiden und mehrere Ärzte aufsuchen, bevor es zur richtigen Diagnosestellung und zur entsprechenden Therapie kommt. Im Schnitt vergehen über zwei Jahre bis zur Diagnose und weitere elf Monate bis zur adäquaten Behandlung. Die geschätzten direkten Kosten in Österreich für chronischen Schmerz liegen zwischen 1,4 und 1,8 Milliarden Euro. Klare Kostentreiber und gleichzeitig führend in der Liste der häufigsten Schmerzerkrankungen sind dabei chronische Rücken- und Kopfschmerzen. Auch wenn spezifische Daten zur österreichischen Situation fehlen, zeigen grobe Schätzungen, dass Kosten durch Fehltage aufgrund von Krankenständen sich auf ca. 400 Millionen Euro pro Jahr für nicht spezifischen Rückenschmerz belaufen könnten. Etwa 4.400 Neupensionierungen sind pro Jahr auf chronischen Rückenschmerz zurückzuführen. Konservativen Schätzungen für nicht-spezifischen Rückenschmerz zufolge entstehen direkte Kosten in der Höhe von ca. 170 Millionen Euro.
In Österreich gibt es 85 Schmerzambulanzen, das ist im Durchschnitt eine Schmerzambulanz pro 100.000 Einwohner. „Bestehende Strukturqualitätskriterien werden zurzeit nur teilweise erfüllt. Hinsichtlich der Versorgungsstrukturen zeigt sich, dass die Zahl der niedergelassenen Ärzte mit dem Zusatzdiplom ,Spezielle Schmerztherapie‘ in Österreich bei 2,4 pro 100.000 Einwohner liegt und über die Bundesländer hinweg schwankt“, so Schmidt. „Jeder Schmerztherapie muss eine genaue Abklärung vorangehen. Oft kann es Jahre dauern, bis Betroffene eine gezielte Behandlung erhalten“, so Prim. Priv.-Doz. Dr. Christian Lampl, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG). Den Grund dafür sieht er in der häufig mangelhaften Versorgungsstruktur, die aus Sicht der ÖSG dringender Verbesserung bedarf. „Besonderen Versorgungsbedarf gibt es bei den ,Schmerzrandgruppen‘ wie Kopfschmerz, Rückenschmerz, neuropathischer Schmerz, aber auch bei schmerzbedingten Depressionen. Die Versorgungsstruktur beim onkologischen Schmerz hingegen kann als gut bzw. ausreichend bewertet werden“, meint Lampl.
Ärzte-Schmerz-Petition gestartet
Voraussetzung für eine gute Schmerzversorgung ist der Zugang zu innovativen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieformen. Um hier den Zugang zu erleichtern bzw. sicherzustellen, wurde von der Österreichischen Schmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) sowie der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) eine Ärzte-Schmerz-Petition gestartet. 1.391 Ärzte fordern in dieser mit ihrer Unterschrift ein breiteres Therapieangebot sowie die breitere Erstattung von innovativen Schmerzmedikamenten durch die österreichische Sozialversicherung. Dadurch sollen Schmerzen gelindert und Belastungen für die Volkswirtschaft durch Krankenstand, Invalidität und Berufsunfähigkeit minimiert werden.
Rad nicht neu erfinden
Schmerzen sind in den meisten Fällen der Konsultationsgrund Nummer eins in der allgemeinmedizinischen Praxis. „Dabei ist es essenziell, dass Generalisten, wie gute und kompetente Hausärzte, eine klare Einordnung von Symptomen vornehmen. Sowenig wie ein Herzinfarktpatient zum Orthopäden gehört, soll ein Blinddarmpatient mit schmerzstillenden Medikamenten begnügt werden. Für chronische Schmerzpatienten sollten in der Regel Ambulanzen nachhaltige Lösungen zur Verbesserung der Lebensqualität Betroffener bieten. Aber auch optimale multimodale Therapieprogramme sind nur begrenzt imstande, chronische Schmerzen dauerhaft zu beseitigen“, so Dr. Winfried Koller von der steirischen Akademie für Allgemeinmedizin. Um eine Optimierung der Versorgungssituation von Schmerzpatienten sowie flächendeckende Betreuungsstrukturen zu schaffen, sollten „gestufte Behandlungsansätze“ entwickelt werden, die den Patienten Orientierung geben und an die richtigen Institutionen heranleiten. „Das Rad darf jedoch hierbei nicht neu erfunden werden, denn in der Allgemeinmedizinischen Praxis finden Schmerzpatienten bereits heute durchgängig gutes Know-how vor. Doppelstrukturen und eine aufgeblähte Bürokratie sollten nicht das Resultat sein. Hausärzte können als Generalisten hier als Leitsystem zwischen Institutionen wie Fachärzten oder Ambulanzen fungieren“, so Koller.
Chronischer Schmerz belastet die Volkswirtschaft
Schmerz hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Nicht nur auf die eigene Befindlichkeit, sondern natürlich auch auf die Partnerschaft, das Familienleben und nicht zuletzt die Arbeitsfähigkeit. „Trotzdem ist die Datenlage zum ‚Gesamtbild’ Schmerz extrem schlecht. Dies liegt vor allem daran, dass Schmerz kein eigenes Krankheitsbild ist. Deswegen kann keine Gesamtsumme beziffert werden, was den ‚Schaden’ betrifft, der durch Schmerz entsteht. Zusammenfassend kann jedoch gesagt werden, dass der Hauptteil der direkten Kosten bei Schmerzen mit chronischem Schmerz verbunden ist“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schwarz vom Zentrum für Public Health der Universität Wien. rh
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