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Schmerzen im Sacro-Iliakal-Gelenk: Klinik, Diagnose und Therapie

Die Schmerzen im SI-Gelenk sind von jenen bei Abnützungen der Hüftgelenke, aber auch von Problemen der Lendenwirbelsäule zu differenzieren. Manchmal sind allerdings beide Regionen betroffen und müssen daher auch gleichzeitig behandelt oder operiert werden. Die Diagnose erfolgt aus der Klinik und der bildgebenden Diagnostik.


Wenn das SI-Gelenk und die LWS operiert werden müssen, kann neben der LWS-Versteifung zusätzlich eine Versteifung des SI-Gelenks erfolgen.

AUTOR: Dr. Helmut Hiertz
Facharzt für Neurochirurgie, Wirbelsäulenchirurgie und konservative Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen, Medizinisches Zentrum Bad Vigaun

Das Sacro-Iliakal (SI)-Gelenk bildet die Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken. Das knöcherne Becken ist das Fundament, auf dem der Rest der Wirbelsäule aufbaut. Die durch den Lastwechsel beim Gehen entstehenden Kräfte werden über das Hüftgelenk in das Becken eingeleitet. Beim Lastwechsel kommt es zu kleinen Bewegungen des Beckens in sich. Diese Bewegungen finden in der Symphyse und den Kreuz-Darmbein-Gelenken statt. Eine gestörte Stellung der Wirbelsäule, aber auch Deformitäten sowie Überlastung können zu einer Dysfunktion des SI-Gelenks und in weiterer Folge zu einer Arthrose führen. Weitere Faktoren sind Brüche im Beckengürtel und angeborene Fehlstellungen.

Klinik und Diagnose

Die Schmerzen im SI-Gelenk sind von jenen bei Abnützungen der Hüftgelenke, aber auch von Problemen der Lendenwirbelsäule (LWS) zu differenzieren. Manchmal sind allerdings beide Regionen betroffen und müssen daher auch gleichzeitig behandelt oder operiert werden. Die Diagnose erfolgt aus der Klinik und der bildgebenden Diagnostik. Rund
25 % aller Kreuzschmerzen entstehen im SI-Gelenk. Die Schmerzen sind im unteren Rückenbereich mit Ausstrahlung in den Oberschenkel und die Leiste sowie in das Gesäß vorwiegend vorhanden, eine deutliche Verstärkung zeigt sich beim Sitzen und Stehen. Nach kurzer Sitzdauer wird eine Schonhaltung eingenommen. Zusätzlich besteht meist ein deutlicher Druckschmerz über dem SI-Gelenk. Die Diagnose erfolgt mittels Röntgen des Beckens und der SI-Gelenke und der Computertomografie in Knochenfenstereinstellung des betroffenen SI-Gelenks oder auch einer Magnetresonanztomografie.

SI-Gelenksproblematik oft nicht erkannt

Zunächst sollte immer über einige Monate eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln, gezielten Infiltrationen und Heilgymnastik und auch fallweise einer speziellen Miederbehandlung durchgeführt werden. Sollten diese Maßnahmen nicht greifen, kann mit einer Versteifung des betroffenen SI-Gelenks zu 75 % eine deutliche Besserung erzielt werden. Die Komplikationsrate der operativen Therapie ist sehr niedrig. Wichtig ist die genaue Planung und exakte Abklärung, besonders wenn eine Versteifung der unteren Lendenwirbelsäule nötig ist. Etwa 45 % der Patienten, die eine Versteifung des SI-Gelenks benötigen, hatten bereits eine vorangegangene Operation an der LWS oder am SI-Gelenk. Man muss daher annehmen, dass bei vielen Patienten die SI-Gelenksproblematik nicht erkannt wurde. Ein weiterer Risikofaktor sind vorangegangene langstreckige Versteifungen der Lendenwirbelsäule.

SI-Gelenksoperation

Mit der SI-Gelenksoperation kann bei vielen Patienten eine deutliche Verbesserung erzielt werden: Wenn von einer Schmerzskala mit 0 = kein Schmerz und 10 = heftigster Schmerz ausgegangen wird, haben die Betroffenen vor der OP eine Intensität von 8 bis 10 und nach der OP bis 3.
Bei verschiedenen OP-Verfahren werden entweder eine Spreizschraube (DIANA) und massiv Knochen in den Recessus eingebracht, der vorher unter Mikroskop exakt vom Bindegewebe und den Nervenendigungen befreit und angefrischt wurde, oder bei von der Seite kommenden OP-Verfahren erfolgt mit Schrauben eine Fixierung des SI-Gelenks.
Wenn das SI-Gelenk und die LWS operiert werden müssen, kann neben der LWS-Versteifung zusätzlich eine Versteifung des SI-Gelenks in der beschriebenen Ausräumung vom Recessus und Knochenanlagerung erfolgen. In diesem Fall wird aber eine Verschraubung der LWS auf den Beckenkamm (Iliumschraube) durchgeführt, wodurch die Überbrückung erfolgt (siehe Fotos). n

Literatur: Dr. Volker Fuchs, Ameos Klinik Halberstadt

Nachgefragt bei ...

... Dr. Helmut Hiertz

Welche Schwerpunkte wird die 4. Wirbelsäulentagung im Medizinischen Zentrum Bad Vigaun heuer setzen?
Das Thema der Tagung ist das Sacro-Iliacal- oder Kreuz-Darmbein-Gelenk. Es wird über Anatomie, Biomechanik, Klinik, Abklärung und konservative sowie operative Therapien gesprochen.

Warum wurde dieses Thema 2016 in den Mittelpunkt gestellt?
Das Sacro-Iliacal (SI)-Gelenk wird leider zurzeit nicht oder nur sehr wenig beachtet, obwohl 25 % aller „Kreuzschmerzen“ von hier ausgelöst werden. Viele nach einer Lendenwirbelsäulen (LWS)-Operation bestehenden Schmerzen kommen ebenfalls von diesem Gelenk. Wichtig ist immer, an die Klinik zu denken, dann die entsprechenden Tests und die radiologische Abklärung durchzuführen. Auch vor einer LWS-Versteifung sollte immer das SI-Gelenk beachtet werden. Oft finden sich massive Kombinationsprobleme, die dann nur durch eine gemeinsame Behandlung, sei es konservativ oder operativ, verbessert werden können. Von der Literatur her und nach meiner eigenen Erfahrung kann man nach einer Operation zu 75 % mit einer deutlichen Schmerzverbesserung rechnen.

Welche Erwartung setzen Sie in die Tagung?
Die gesamte Thematik wird von internationalen Spitzenreferenten besprochen, unter anderem dem Wirbelsäulenchirurg Prof. Dr. Jürgen Harms vom ETHIANUM Heidelberg, Prof. Jean-Charles Le Huec, Universitätsklinik Bordeaux aus Frankreich, dem US-amerikanischen Orthopäden Dr. John Stark oder Dr Volker Fuchs, Ameos Klinik aus Halberstadt.

Für welche Zielgruppe ist die Tagung geplant?
Für alle mit der Thematik des SI-Gelenks befassten Kollegen, wie Orthopäden, Neurochirurgen, Unfallchirurgen, Physikalische Medizin, Allgemeinmediziner und Physiotherapeuten.

Wann ist für Sie die Wirbelsäulentagung rückblickend ein Erfolg gewesen?
Die Tagung war dann ein Erfolg, wenn mehr Kollegen die Thematik beachten und entsprechend behandeln – konservativ und operativ. Dadurch kann ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der betroffenen Patienten erreicht werden. Bei Kombinationsproblemen von LWS und SI-Gelenk lassen sich durch die kombinierte Behandlung ebenfalls die postoperativen Resultate deutlich verbessern.

Wirbelsäulentagung 2016

Ort: Medizinisches Zentrum Bad Vigaun GmbH & Co. KG
Karl-Rödhammer-Weg 91
5424 Bad Vigaun
Datum: 21.05.2016
Info und Kontakt: www.badvigaun.com