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Rettet die Medizin!

Mit diesem dringenden Aufruf wendet sich Prof. Dr. Peter P. Pramstaller, Institutsleiter, EURAC research, Zentrum für Biomedizin in Bozen, an seine Kollegen, denn nach Ansicht des Experten können nur die Ärzte selbst das Ruder des festgefahrenen Kahns „Gesundheitssystem“ herumreißen.


Foto: fotolia/Romolo Tavani

„Die Medizin gleicht einem havarierenden Dampfer, dessen Kapitän sich von Bord geschlichen hat. Es ist die Pflicht der Ärzte, endlich wieder die Verantwortung zu übernehmen und das Schiff wieder auf Kurs zu menschenwürdigen Ufern zu bringen“, fasst der Mediziner die Misere zusammen. Er ruft auf, sich von Altlasten zu befreien, Blockaden zu lösen und will vor allem etwas gegen die Sinnkrise der Ärzte unternehmen. Warum das nicht ganz so einfach ist, zeigt der Blick in die Geschichte: Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist traditionell von hohem Vertrauen geprägt, der Arzt genoss hohes gesellschaftliches Ansehen und arbeitete als alleiniger Heiler ohne „Chef“. Seine Entscheidungen wurden von niemandem hinterfragt, schon gar nicht, ob sie sich „rechnen“, Hauptsache, sie zeigten Wirkung beim Patienten.

Absurde Entwicklung

Diesen edlen Glanz hat die Medizin längst verloren, vor allem weil ihr von außen ein Geschäftsmodell aufgestülpt wurde, das sie von ihrem Wesen, der Heilung, völlig entfremdet hat. Die Arbeit in unnatürlich gewachsenen Industriebetrieben bringt hohen Fortschritt, aber auch hohen Machtverlust und weniger Entlohnung. Mittlerweile wurde auch deutlich, dass diese Entwicklung für die Gesundung der Patienten nicht hilfreich ist und auch das Personal kommt unter die Räder: Immer weniger Mensch, immer mehr Fortschritt bringt immer schlechtere Ergebnisse für den Einzelnen. Warum? Weil das „Mehr vom Selben“-Prinzip – alles soll noch schneller, effizienter, besser... gehen – zu immer mehr Reibungsverlusten, Ressourcenverschwendung und Unkoordiniertheit von letztlich absurdem Verhalten führt. Externe Berater suchen immer weiter nach Potenzialen zur Effizienz- und Leistungssteigerung und konzentrieren sich auf Behandlungsabläufe und monetäre Unregelmäßigkeiten. „Das ist sinnloser Aktionismus“, meint Pramstaller und ruft dringend zu einem Perspektivenwechsel auf. Eine Methode, die schon aus dem Coaching bekannt ist: Die Art, wie ein Problem definiert wird, ist oft der Schlüssel zur Lösung, denn häufig verfallen wir in ein Muster, bei dem wir in der einzigen Lieblingsperspektive feststecken. Das heißt: Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.

Was läuft schief?

Ärzte waren früher selbstbestimmt, nur ihrem Gewissen und den Patienten verpflichtete Heiler. Heute sind sie zu einem großen Teil zu einer Art hochspezialisierter Fließbandarbeiter für den Körper geworden mit der Hauptaufgabe, das System, in dem sie arbeiten, zu optimieren. Doch Ärzte werden nach wie vor ausschließlich für das Behandeln von Krankheiten ausgebildet und haben sich genau deswegen für diesen Beruf entschieden und nicht, um unternehmerisch zu denken und zu handeln. Mit zunehmender Entfremdung von ihrer eigentlichen sinnstiftenden Tätigkeit haben sie sich zurückgezogen. Das so entstandene Kompetenz- und Führungsvakuum wurde zunehmend von Fachfremden ausgefüllt. Ärzte und Pflegekräfte sind heute Leistungserbringer, Patienten sind Kunden und Konsumenten geworden, die diese Leistung kaufen. Schon diese „Marketing-Diktion“ spiegelt die Umwandlung hin zu einer industrialisierten und von Austauschbarkeit geprägten Massenabfertigung wider. Die ärztliche Heilkunst und Erfahrung wurde durch Normen und Leitlinien ersetzt, so wie Bedienungsanweisungen für Geräte in Fabriken. Doch in der Medizin hat man es selten mit gleichen Einheiten und Abläufen zu tun, die sich sehr gut normieren lassen. „Menschen sind eben keine Maschinen und haben spezifische Sachlagen und Problemzusammenhänge, denen der Arzt durch Diagnose und Therapie auf die Spur kommt“, beschreibt Pramstaller. Und letztlich haben Businessmodelle aus der Industrie wenig Platz für Mitgefühl und Menschlichkeit.

Raus aus der Problemtrance

Warum sich der Autor so lange im „Problem“ aufhält und den Finger auf längst bekannte offene Wunden legt, ist leicht erklärt: Es braucht das Verständnis für die Ist-Situation, für das Arztbild im Wandel. Wer nicht versteht, warum die Vorstellung vom Arztberuf und die Realität des ärztlichen Arbeitslebens weit auseinanderklaffen, wird sich schwertun, eine neue Richtung einzuschlagen. Daher beschreibt er ein Stufenmodell, wie es doch gehen kann: Es braucht 1. eine Neuorientierung im Sinne eines Perspektivenwechsels, dann muss 2. neues Wissen verinnerlicht werden und 3. müssen Veränderungen angestoßen und gestaltet werden. Was einfach klingt, ist in der Praxis nicht immer so trivial, denn Selbstreflexion und Perspektivenwechsel erfordern Mut und Ehrlichkeit – vor allem zu sich selbst. Die Medizin ist keine Insel der Seligen mehr und je öfter die Ärzte den Kopf in den Sand stecken, resignieren und sich aus dem etablierten System zurückziehen, umso eher wird ihnen von anderen Berufsgruppen die Arbeit abgenommen.
Was das Buch jedenfalls nicht will, ist, Ärzte besser anzupassen, damit sie im System noch besser funktionieren. Es ist auch kein praktisches Übungsbuch zur Selbsterkenntnis, aber ein lauter Weckruf, die Menschlichkeit in das System zurückzuholen, damit medizinische Entscheidungen wieder patientengerecht getroffen werden. Menschlichkeit gilt für beide Seiten: für Patienten und Personal, vor allem für die „Frontliners“ wie Ärzte und Pflege, wo es zur Zeit viel zu viele Frustrierte und Verlierer gibt. Hier muss jemand versuchen, diese Negativspirale umzukehren. Dass das geht, davon ist der Autor überzeugt: „Ärzte und Spitalsmanager haben zwar einen unterschiedlichen Wissenshintergrund, aber in der Regel haben sie die gleichen Grundwerte, sonst würden sie nicht im Gesundheitswesen arbeiten. Wir müssen endlich Brücken bauen, anstatt Gräben weiter aufzureißen.“ In diesem Sinn: Lesen Sie das Buch, empfehlen Sie es Kollegen und retten Sie gemeinsam die Medizin! rh

Buchtipp

Peter P. Pramstaller: Rettet die Medizin – Wie Ärzte das Ruder wieder selbst in die Hand nehmen können. Mit einem Geleitwort von Fredmund Malik
152 Seiten, MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft;
1. Auflage, 2016, ISBN 978-3954662586

„Ärzte dürfen sich nicht länger als Opfer erleben“

Nachgefragt bei Mediziner und Buchautor Prof. Dr. Peter P. Pramstaller, Institutsleiter am EURAC research Zentrum für Biomedizin in Bozen

Ärzte haben Prestige und Macht verloren. Sie plädieren für eine Neuorientierung, die von den Betroffenen ausgehen muss. Das klingt, als ob einem Depressiven geraten wird, ab jetzt positiv zu denken. Wie kann das gehen?
Zurzeit versucht man, Ärzte mit Lösungen von Managern zu zwangsbeglücken, das kann auch nicht funktionieren, denn diese Gedankenwelt ist sehr weit weg von unserer, also der Medizin. Um erfolgreich zu kommunizieren und Brücken zu schlagen, muss man sich doch erst auf Augenhöhe treffen, die Mediziner dort abholen, wo sie stehen. Derzeit kommen Veränderungen von außen, ohne überhaupt die Ist-Situation – aus unserer Sicht – erfasst zu haben. Wer Sichtweisen verändern möchte, muss doch zuerst die aktuellen Sichtweisen verstehen, nach dem Motto „see-do-get“. Daher beschäftigt sich auch mein Buch sehr ausführlich mit der Analyse der derzeitigen Situation, wie es überhaupt dazu kam, dass sich die Ärzte das Ruder aus der Hand nehmen ließen. Wer das große Ganze versteht, wer einsieht, dass die Medizin mittlerweile ein Marktplatz geworden ist, mit vielen verschiedenen Playern und Abhängigkeiten, der kann dann gezielt auch seine Perspektive wechseln und sich nicht mehr als Opfer der Umstände erleben lernen.

Wie kam es zur Ökonomisierung der Medizin?
Kurz gesagt: Ärzte haben in den letzten Jahren – teils selbst mitverursacht, teils von außen initiiert – ein Machtvakuum hinterlassen, das jetzt von anderen Berufsgruppen, wie etwa der Pflege oder den Managern, gefüllt wird.

Mit der Neuorientierung wird alles anders?
Nein, natürlich nicht. Aber zuerst müssen wir die Ist-Situation verstehen, dann nehmen wir eine andere Perspektive ein und kommen zum Punkt, wo wir feststellen werden: Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir uns – bis zu einem gewissen Grad – auch neues Wissen aneignen. Kein Arzt muss Topcontroller, Topmanager oder Topökonom werden, aber ein paar grundlegende Instrumente aus dem Management und dem Leadership sollte man schon kennen, um mitreden und infolge dann auch mitgestalten zu können. Leider lernen und lehren wir diese Dinge im Studium derzeit nicht. Das ist ein ganz zentraler Punkt: Die Medizinstudenten – also die Zukunft der Medizin – sollten sich frühzeitig mit diesem Thema und Paradigmenwechsel auseinandersetzen und davon wissen. Wenn ich das, was jetzt in meinem Buch steht, schon während meines Studiums gewusst, erahnt oder „gesehen“ hätte, hätte ich vieles anders gemacht und gleich erkannt, dass allein ein guter Kliniker zu sein einfach nicht mehr reicht. Es geht so früh wie möglich um ein „see-do-get“!

Wie gelingt die Transformation in die gelebte Praxis?
Es liegt an jedem selbst, Veränderungen aktiv anzunehmen oder sich mittreiben zu lassen. Wenn ich meine Kompetenzen als Arzt um neue Fähigkeiten erweitere, ergeben sich auch neue Perspektiven und Handlungsoptionen. Ein Arzt allein wird keine Wunder wirken und das Gesundheitssystem revolutionieren, aber gemeinsam müssen wir jene Handlungsfelder aufspüren, wo am meisten umgesetzt werden kann. Und das fängt damit an, dass wir uns mit Managern – auch in ihrer Sprache – auf Augenhöhe unterhalten können.

Der Paradigmenwechsel in der Medizin wurde von außen angestoßen, etwa durch den demografischen Wandel, den technologischen Fortschritt oder die Vormacht der Ökonomie. Kann dann überhaupt das System von innen erfolgreich verändert werden?
Wir wissen mittlerweile: Mehr vom Selben zu tun, also noch effizienter, effektiver, noch schneller oder billiger zu arbeiten. Wir Mediziner müssen die Inhalte festlegen und uns bei der Umsetzung von den Managern unterstützen lassen. Wir sind heute in der Lage, eine Medizin anzubieten, wie sie vermutlich noch nie besser war. Es ist wirklich dramatisch, dass wir uns mit Kollateralschäden aufhalten, ohne uns auf die wesentlichen Kernpunkte zu konzentrieren. Und genau hier müssen wir Ärzte uns wieder einmischen!

Wahlärzte haben die gleiche Hochschulbildung und zeigen aber Unternehmerkompetenz. Wie passt das zusammen?
Ja, Wahlärzte haben Profitinteressen und dort eignen sie sich Zusatzkompetenzen an, wo es nötig ist. Aber wir sprechen vom Interesse, das System zu verbessern und wieder gute und humanere Medizin zu machen. Da reicht es nicht, Bilanzen lesen zu können. Wir müssen die Medizin aus der Negativspirale herausholen, dort geht es nicht mehr um Menschen oder Menschlichkeit. Wenn sich Ärzte entweder als „Systemopfer“ und als „Profitgeier“ positionieren, haben wir das System nicht gerettet, sondern wieder das „Mehr vom Selben“-Prinzip perfektioniert. Wir müssen alle ein Ziel haben: menschliche Medizin wieder möglich machen. Die Medizin wird sich zu Tode ökonomisieren, wenn man nicht vom Effizienzdenken hin zu einem echten Wandel kommt.

Sie schreiben: „Ärzte haben nicht darum gebeten, dass sich die Welt verändert“ – um Arbeitslosigkeit, Krankheit, Wirtschaftskrise und vieles mehr haben wir alle nicht gebeten und trotzdem sind es Tatsachen. Sind Ärzte hier Realitätsverweigerer?
Das denke ich nicht. Man muss die Entwicklung dazu verstehen: Ärzte waren früher unabhängige Wissensarbeiter, die nur für ihre Patienten zuständig waren und deren Hauptaufgabe es war, Leiden zu verhindern oder zumindest zu lindern. Heute arbeiten sie in einem „Industrie-ähnlichen Spitalsbetrieb“ in Abhängigkeit von Managern. Dass die kaufmännischen Abteilungen gegenüber den Ärzten weisungsbefugt sind, ist schon irgendwie bizarr, wenn man bedenkt, dass die Ärzte in medizinischen Fragen die eigentliche Kompetenz haben. Den meisten ist schon bewusst, dass es so nicht gehen kann, aber der Schritt vom Patientenheiler zum Systemheiler ist ihnen noch nicht gelungen! Ich hoffe, mein Buch kann dazu anregen!

Sie betonen „Arztsein ist eine Berufung, daher mit keinem anderen Beruf vergleichbar. Niemand wird Arzt, um ein sorgenfreies, anstrengungsfreies Leben zu haben“. Es wird aber auch niemand Feuerwehrmann, Banker oder Lehrer mit der Absicht, nur ein sorgenfreies, anstrengungsfreies Leben zu haben ...
Beruf als Berufung habe ich nicht ausschließend oder exklusiv gemeint! Wir gehen in die Medizin, weil wir Menschen helfen wollen. Das ging auch lange Zeit gut so, nur jetzt landen wir in einem System, das uns diese Berufung nicht mehr ermöglicht.

Während Ärzte Fließbandarbeiter wurden, hat die Pflege den umgekehrten Weg beschritten und „akademisiert“ sich. Sind Ärzte neidisch darauf?

Das ist kein neidvoller Blick, sondern eine Analyse der Ist-Situation. Es gibt genug Evidenz auch für andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Jetzt stellt sich eben die Frage, wie damit umzugehen ist. Das sind neue Rahmenbedingungen, die wir so nicht gekannt haben. Überall dort, wo sich Ärzte zurückgezogen haben, ist ein Vakuum entstanden, das mit Pflege oder Verwaltung ganz schnell gefüllt wurde. Ich kann nur nochmals betonen, dagegen ist nichts einzuwenden und es braucht alle drei Säulen – Ärzte, Verwaltung und Pflege, um die beste Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Ich denke, dass man als Einzelkämpfer bzw. alleine nichts mehr erreichen kann, schon gar nicht in einem so komplexitätsgeladenen Feld wie der modernen Medizin. Wenn es darum geht, diese drei Säulen zu konvergieren, Brücken zu bauen – immer mit der Medizin und dem Patienten im Mittelpunkt –, dann gibt es für mich keinen geeigneteren „transversalen“ Konnektor als den Arzt. Aber diese Rolle ist auch erst eine, die uns Ärzten noch viel bewusster werden muss, um hier als impulsgebender Vermittler und Brückenbauer auftreten zu können. Und vor allem müssen wir es wollen, wenn wir vom Patienten- zum Systemheiler werden wollen. Dafür müssen wir uns eben auch ganz neue Kompetenzen aneignen, die über die Medizin hinausgehen. Wir wollen neue Instrumente für die Leadershipkompetenz der Ärzte finden. Auch hier gilt wieder: Bevor man sich Gedanken machen kann, wie man mit dieser Situation umgeht, muss man sie erkennen und sich auch trauen, sie offen anzusprechen.

Ärzte können ihre Patienten nicht mehr als allein verantwortliche Heiler behandeln und müssen als Spezialisten in Teams arbeiten. Aus der Tradition heraus sind aber Ärzte keine Teamplayer. Wie kann das klappen?
Wir wissen, dass diese Veränderungswelle im Rollen ist. Daher ist die Phase der Neuorientierung wichtig. Die Halbwertszeit von Forschungswissen in der Medizin ist nur mehr ungefähr fünf Jahre. Kein Arzt allein kann das bewältigen, daher müssen wir disziplin-übergreifende Teamplayer werden. Wir sind keine Handwerker mehr, sondern sitzen sozusagen in Technologieparks und da arbeiten wir ja schon in Teams, aber auch das ist noch ausbaufähig.

Sie wollen Ärzte als Vermittler und Mediatoren sehen. Andererseits sind Ärzte von der Geschichte her die „Götter in Weiß“, also längst nicht auf Augenhöhe mit anderen Dialogpartnern. Wie geht das zusammen?
Hier haben wir Lernpotenzial, genau das ist eine neue Rolle, für die wir uns die Fähigkeiten aneignen müssen. Wer das nicht will, der muss nicht. Aber wer das System verbessern will, den rufe ich dazu auf: Mischt euch ein! Werdet aktiv! Dazu gehört auch, Neues zu lernen. 

Wir sprechen immer sehr verallgemeinernd von „den“ Ärzten – muss man hier nicht sorgfältiger differenzieren?

Eine bessere Medizin betrifft alle Ärzte, egal ob im Spital, in der Ordination, im Studium oder Alt oder Jung! Der „Wake-up Call“ ist für alle gleich: Rettet die Medizin!


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