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Psychische Erkrankungen erhöhen Suizidrisiko

„Suizid ist die Todesursache von Menschen mit psychischen Problemen“, sagt Prof. Dr. Christian Haring. Ein nationales Suizidpräventionsprogramm soll Wege finden, um Gefährdeten zu helfen und die Opferbilanz zu senken.


Prof. Dr. Christian Haring, Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention. Foto: Florian Schneider

Obwohl die Anzahl seit 1987 rückläufig ist, sterben jährlich immer noch mehr als 1.200 Menschen in Österreich an Suiziden. Das sind nahezu gleich viele wie durch Brustkrebs oder mehr als doppelt so viele wie im Straßenverkehr. Vor zwei Jahrzehnten noch zählte Österreich europaweit zu den Ländern mit den höchsten Suizidraten, aufgrund des deutlichen Rückganges liegt man jetzt im Mittelfeld. Am oberen Ende der Skala liegen die baltischen Staaten, Ungarn und Länder der russischen Föderation.
Warum es in Österreich 1987 zu diesem Bruch kam und wie sich dieser Rückgang erklären lässt, dazu gibt es viele Hypothesen, erläutert Prof. Dr. Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Suicide Research Group, MedUni Wien. Das Thema sei jedenfalls viel zu komplex, um es mit einer Variablen alleine erklären zu können, allerdings sei die Mutmaßung durchaus plausibel, dass dies nicht zuletzt an der Zunahme der Leistungen der psychosozialen Systeme, einer größeren Dichte an Hausärzten, Psychotherapeuten und klinischen Psychologen liegen würde. Auch die Zahl der stationären Aufenthalte habe massiv zugenommen. „Die gesellschaftliche Aufklärung über psychische Erkrankungen und die Akzeptanz von ambulanten und stationären psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungsangeboten steigt stetig und dies obwohl manche Behandlungen selbst zu bezahlende Leistungen darstellen und für sozial unterprivilegierte Menschen schwerer zugänglich sind“, sagt Kapusta.
Derzeit sehen manche Experten diese an sich europaweite positive Entwicklung der Angebote durch die finanziellen Einschnitte im Gesundheitssystem aufgrund der Wirtschaftskrise aber wieder gefährdet. Und tatsächlich lässt sich seit Beginn dieser Wirtschaftskrise in vielen Ländern ein erneuter Anstieg der Suizidraten beobachten, einerseits bedingt durch die steigende Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen psychischen Erkrankungen, andererseits aber eben auch durch Einsparungen im Versorgungsangebot. In Österreich kam es während der Krise zwar zu keiner Zunahme der Suizidraten, erklärt Kapusta, jedoch „zu einem Plateau in den vergangenen fünf Jahren, also zu einer Stagnation des Rückgangs“.
Was geblieben ist, sind die großen regionalen Unterschiede in der Suizidmortalität in diesem Land. Steiermark und Kärnten haben trotz beträchtlicher Rückgänge weiterhin die höchsten Suizidraten, insbesondere einige Bezirke in der Steiermark erreichen Werte, die mehr als doppelt so hoch sind wie in anderen Regionen. Auch zeigt sich, dass urbane Regionen niedrigere Suizidraten aufweisen als ländliche Bereiche. „Der direkte Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Höhe der Suizidraten ist ein Mythos, der längst seine Gültigkeit verloren hat“, meint Kapusta, das habe sich längst gewandelt. Gründe dafür könnten bessere psychosoziale Angebote sein, aber auch niedrigere Arbeitslosenraten und höheres Einkommen.
Wie eng Einkommen und Inanspruchnahme von psychosozialen Angeboten ineinandergreifen, zeige sich alleine in dem Umstand, dass heute nur 20 Prozent der rund 140 niedergelassenen Psychiater in Österreich Kassenordinationen betreiben, 80 Prozent sind Privatordinationen.

Suizid ist männlich

Entgegen der häufigen Vermutung, dass Frauen eine höhere Suizidalität aufweisen, haben Männer ein dreifach höheres Suizidrisiko als Frauen. 2012 suizidierten sich 986 Männer und 289 Frauen. „Bei Männern bis zum 40. Lebensjahr ist Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache“, so Prof. Dr. Christian Haring, Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention und Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Landeskrankenhaus Hall in Tirol. Die Suizidhäufigkeit nimmt statistisch gesehen aber auch mit dem Alter stetig zu. Für Menschen über 65 Jahre ist das Risiko, durch Suizid zu versterben, etwa fünfmal höher als jenes von jungen Menschen. Die für mitteleuropäische und auch nordamerikanische Regionen typische altersbedingte Risikozunahme ist global nicht überall zu beobachten. In Südamerika etwa bleibt das Risikoniveau stabil.

Depressionen

Besonders hoch ist das Suizidrisiko für Menschen, die an einer psychiatrischen Erkrankung leiden; hier wiederum besonders – da auch zahlenmäßig am häufigsten – jene Patienten, die unter einer Depression leiden. „Bei 70 bis 90 Prozent aller Suizide ist eine psychische Erkrankung die Ursache, in den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine depressive Erkrankung“, erläutert Haring. „Man könnte auch sagen: Suizid ist die Todesursache von Menschen mit psychischen Problemen.“ Wie auch Krebspatienten würden depressive Menschen unter einer potenziell tödlichen Erkrankung leiden und somit müsse das allererste Ziel der Depressionsbehandlung die Lebenserhaltung sein. Dieser wichtige Punkt werde laut Haring auf allen Ebenen, von den Ärzten bis zu den Patienten, nicht ausreichend wahrgenommen. „Wie bei einer Krebserkrankung ist eine frühe Diagnose und in weiterer Folge eine frühzeitig erfolgende Therapie von höchster, lebenserhaltender Bedeutung.“
In den meisten Fällen erweist sich eine Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie als wirkungsvollste Form der Behandlung. Die Behandlungsmöglichkeiten haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Entwicklung hinsichtlich Verträglichkeit und Wirksamkeit erlebt, sagt Kapusta: „Die vielfach in der Bevölkerung bestehenden Vorbehalte gegenüber medikamentöser Behandlung, wie zum Beispiel mittels Antidepressiva, sind daher großteils unbegründet und stellen ein unnötiges Hemmnis der erfolgreichen Behandlung psychischer Erkrankungen und somit einer effektiven Suizidprävention dar. Hier ist ein Umdenken dringend notwendig und eine verstärkte Aufklärung von ärztlicher Seite nötig.“

SUPRA

Die Etablierung eines Nationalen Suizidpräventionsprogramms (SUPRA) durch das Gesundheitsministerium stellt daher für Kapusta eine wichtige und rechtzeitige Entscheidung dar. Er sieht im Engagement und im persönlichen Interesse von Minister Alois Stöger eine „zumindest wichtige ideelle Unterstützung“. Das Programm definiert zehn Präventionsziele (siehe beistehenden Kasten), die in der Folge zu konkreten Maßnahmen und Projekten führen sollen. Deren Erfolg und Wirksamkeit hängen jetzt im Wesentlichen von der Finanzierung und Umsetzung der Maßnahmen durch alle beteiligten Stakeholder ab. Zu den notwendigen Maßnahmen zählen in erster Linie die Schulung von Gatekeepern in der Erkennung von Suizidalität und psychischen Erkrankungen und das Verfügbarmachen von psychosozialen Behandlungsangeboten.
Aktuell wird an der Gestaltung eines Gatekeeper-Schulungsprogramms gearbeitet, das es medizinischen Fachkräften ebenso wie anderen wichtigen Gatekeepern, etwa Lehrern, möglich machen soll, Gefahrenpotenziale besser und früher zu erkennen. Die ersten Tools – unter anderem Broschüren und ein Lehrvideo – sollen bis Ende des Jahres zur Verfügung stehen.
Ein zweites konkretes Projekt, das bereits gestartet wurde, will unter Schülern das Suizidrisiko erheben, parallel dazu aber auch die Schüler im richtigen Verhalten in ihren Peer Groups im Umgang mit Suizidgefährdeten schulen. Derzeit laufen Kontaktgespräche mit interessierten Schulen und Behörden.                                                              vw

Nationales Suizidpräventionsprogramm (SUPRA)

Das Programm des Gesundheitsministeriums sieht zehn wichtige Präventionsmaßnahmen vor:

  1. Schaffung von erhöhtem Bewusstsein und Wissen
  2. Unterstützung und Behandlung
  3. Kinder und Jugendliche
  4. Erwachsene
  5. Ältere Menschen
  6. Risikogruppen
  7. Schulung und Entwicklung
  8. Einschränkung der Erreichbarkeit von Suizidmitteln
  9. Nationale Expertise
  10. Gesetzliche Voraussetzungen

Die ersten sechs Punkte beschäftigen sich im weitesten Sinne mit der Behandlung psychischer Erkrankungen.