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Personalisierte Kardiologie

Effektivere Therapien, weniger unerwünschte Effekte, geringere Kosten – das sind kurz gefasst die zentralen Vorteile einer „personalisierten Medizin“. Und aufgrund der Geschwindigkeit der Entwicklungen in den letzten Jahren wird die Kardiologie hier in Sachen Fortschritt vermutlich viele Erwartungen übertreffen.


Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer von der Universitätsklinik für Innere Medizin II/Kardiologie, MedUni/AKH Wien, und Vorstandsmitglied der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Foto: Nicholas Bettschart

„Die personalisierte Medizin in der Kardiologie ist weit mehr als nur ein Schlagwort. Personalisierte Medizin hat zum Ziel, durch modernste Diagnostik und den nachfolgenden Einsatz neuer, auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten ausgerichteter Therapieverfahren die Effektivität der Behandlung zu steigern, unerwünschte Effekte zu vermeiden und die Kosten zu reduzieren“, sagt Univ.-Prof. Dr. Julia Mascherbauer von der Universitätsklinik für Innere Medizin II/Kardiologie, MedUni/AKH Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft. Nicht zuletzt basiert diese Überzeugung auf der immer konkreter werdenden Einsicht, dass sich hinter gängigen Krankheitsdiagnosen eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder mit unterschiedlicher Prognose und unterschiedlichem Ansprechen auf bestimmte Therapien verbergen kann. Ausschlaggebend sind unter anderem patientenbezogene Faktoren wie Geschlecht, Alter, Begleiterkrankungen und genetischer Hintergrund.

Schnellere und bessere Diagnosen durch Magnetresonanztomografie

„Auch wenn diese Entwicklung in der Kardiologie noch nicht so weit fortgeschritten ist wie zum Beispiel in der Onkologie, bewegt sie sich doch zweifellos in die gleiche Richtung. Neue Untersuchungsmethoden leisten hier einen wesentlichen Beitrag“, ist Mascherbauer überzeugt. So ist etwa mittels Herz-MRT neben der Beurteilung der Pumpleistung der Grad der diffusen Narbenbildung im Herzmuskel messbar. Außerdem sind Herzmuskelspeicher-Erkrankungen wie zum Beispiel eine Herzamyloidose mit dieser Methode leicht zu diagnostizieren. „So kann rasch eine adäquate Therapie gewählt werden“, weiß Mascherbauer.
Die Kombination mehrerer bildgebender Verfahren, die multimodale Bildgebung, kann zusätzliche Informationen liefern. Beispielsweise kann mittels MRT und Herzultraschall zwischen verschiedenen Formen der Herzinsuffizienz differenziert werden. Ebenfalls wichtige Informationen liefern kann die invasive Vermessung der Druckwerte in den Lungengefäßen mittels Herzkatheter zur Diagnosestellung bei unklarer Luftnot.

Biomarker und Risiko-Scores

Einen wichtigen Beitrag zur individualisierten Diagnostik und Therapie werden in Zukunft Biomarker spielen. Von besonderem Interesse ist etwa das NTproBNP, ein Prohormon-Fragment aus der Gruppe der natriuretischen Peptide. Es eignet sich einerseits zur Früherkennung von Herzinfarkten, darüber hinaus aber auch zur Abschätzung des individuellen Risikos. „So legen Untersuchungen, an denen die MedUni Wien maßgeblich beteiligt war, nahe, dass Diabetiker mit erhöhtem NTproBNP ein massiv erhöhtes Herzinfarktrisiko aufweisen und eine entsprechend aggressive Therapie beispielsweise eines Bluthochdrucks benötigen. Große Studien, die entsprechende Sicherheit geben, sind allerdings erst im Laufen“, beschreibt die Medizinerin.
Untersuchungen aus Österreich zum Fetthormon Chemerin zeigen, dass dieses eine Rolle als Biomarker für das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall übernehmen könnte. Chemerin könnte sowohl bei der Identifikation von neuen Patienten mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko als auch zur Überwachung der Wirksamkeit der Therapie nützlich sein. Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall traten wesentlich häufiger bei Menschen mit hohen Chemerin-Konzentrationen auf – unabhängig davon, ob deren Nierenleistung bereits beeinträchtigt war, ob sie Übergewicht, Diabetes oder die koronare Herzkrankheit hatten. Diese Erkenntnisse könnten Einfluss auf die Art und Intensität von Therapien haben.
Risiko-Scores wie der unter Beteiligung der Harvard Medical School entwickelte DAPT (Duale Antiplättchen-Therapie)-Risiko-Score, sollen dabei helfen, die Therapie zu individualisieren. Eine länger als zwölfmonatige duale Plättchenhemmung nach einem Katheter-Eingriff beugt Herzinfarkten vor, erhöht aber zugleich das Blutungsrisiko. Der DAPT-Score soll bei der individualisierten Entscheidung helfen, welche Patienten von einer verlängerten Therapie profitieren und welche nicht.

Bessere Ressourcennutzung durch Individualisierung

„Verstärkte Individualisierung ist auch aus ökonomischen Gründen das Gebot der Stunde“, so Mascherbauer. Aus der Entwicklung der letzten Jahre kann man zweifelsfrei schließen, dass die Geschwindigkeit der Entwicklung im Bereich der Kardiologie alles übertrifft, was jemals erwartet wurde. Dieser Effekt eines rasanten medizinischen Fortschritts ist sehr wahrscheinlich auch auf die Zukunft übertragbar. Wir können daher davon ausgehen, dass die im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen benötigten Ressourcen zunehmen werden. Diesem steigenden Bedarf stehen allerdings immer knappere Geldmittel gegenüber, sodass sehr intensiv darüber nachgedacht werden muss, wie die vorhandenen Ressourcen optimal genutzt werden können. Einen wesentlichen Beitrag zu einer optimalen Ressourcennutzung wird die personalisierte Medizin leisten.“
Die individualisierte Diagnostik und Therapie ist allerdings nicht mehr von einzelnen Kliniken und Instituten zu leisten, weil sie Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen erfordern. „Es ist daher ein intensives Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche notwendig“, so die Expertin.rh


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