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Onkologische Rehabilitation

Früherkennung, Therapiephase und Nachsorge sind Teile der onkologischen Rehabilitation, die immer mehr Patienten in Anspruch nehmen. Nach dem Abschluss der Akuttherapie ist eine Rehabilitation mit dem Ziel der vollen sozialen Integration wichtig.


Univ.-Prof. Dr. Dietmar Geißler

Autoren: Univ.-Prof. Dr. Dietmar Geißler
Leiter der 1. Medizinischen Abteilung am Klinikum Klagenfurt, Facharzt für Innere Medizin, Spezialfach: Hämatoonkologie, Nephrologie  und Rheumatologie, dietmar.geissler(at)kabeg.at

Dr. Ursula M. Klocker-Kaiser
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapeutin, u.klocker(at)ipso.at

DDr. Johann J. Klocker
Facharzt für Innere Medizin, Spezialfach Hämatoonkologie, Psychotherapeut
j.klocker(at)ipso.at

Jährlich erkranken rund 36.000 Österreicher an Krebs. Durch verbesserte Früherkennung und wirksamere Behandlungen steigt die Fünf-Jahres-Überlebensrate aller Krebserkrankten in Österreich erfreulicherweise an. Lag die Fünf-Jahres-Überlebensrate 1983 noch bei 40 %, so lag sie 2003 bereits bei 62 %, Tendenz steigend. Sowohl die Zunahme der Malignome im Rahmen der höheren Lebenserwartung als auch der erzielte Rückgang der Krebssterblichkeit führen zu einem kontinuierlichen Anstieg an Patienten, die eine Krebserkrankung durchgemacht haben. Diese Patienten weisen zahlreiche Störungen wie krankheitsbedingte organische Defekte, psychische und therapiebedingte Störungen sowie sozio-ökonomische Beeinträchtigungen auf.
Die Betreuung von Tumorerkrankten besteht aus einer Vorsorge mit dem Ziel der Früherkennung, der Therapiephase und der Nachsorge. In der Therapiephase stehen zur Behandlung die chirurgische Intervention, die Strahlentherapie und das breitgefächerte medikamentöse Therapiespektrum in Form von Chemotherapie, Hormontherapie, Immuntherapie, den neuen zielgerichteten Therapien und den begleitenden Maßnahmen zur Verfügung. Ein wichtiger Part in der Therapiephase ist  die psychische Begleitung. Die Nachsorge erfolgt durch regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen. Da die Verweildauer nach Krebsbehandlungen in öffentlichen Spitälern aufgrund des Kostendrucks immer kürzer wird und sich diese Spitäler auf die Durchführung der primären Therapie konzentrieren müssen, steigt der Bedarf der Rehabilitation im Bereich Onkologie. Viele Patienten erleben nach Abschluss der Akuttherapie ein therapeutisches Vakuum; Unsicherheit, Angst und Depression machen sich breit. Dies ist der Zeitpunkt, in dem eine Rehabilitation mit dem Ziel der vollen sozialen Integration stattfinden soll.

Die 4 Säulen der onkologischen Rehabilitation

  1. Annehmen und Umgang mit organischen Defekten
  2. Überdenken und wenn nötig Korrigieren des Lebensstils
  3. psychische Stabilisierung
  4. soziale und berufliche Reintegration

Umgang mit organischen Defekten und Schmerzen

Durch die Tumortherapie können organische Defekte verursacht werden, wie die Entfernung einer Brust, ein künstlicher Darmausgang, Nervenirritationen durch Chemotherapie, Hautveränderungen durch Strahlentherapie und dergleichen. Ein Großteil der Defekte ist bleibend, sodass es um ein Annehmen eines neuen Körpergefühls, ein „Damit-Leben-Lernen“ geht. Defekte, wie die häufig nach Chemotherapie auftretende periphere Polyneuropathie und andere symptomatische Schmerzsyndrome, können durch Physio- und Ergotherapie und gezielte medikamentöse Maßnahmen verbessert werden.

Lebensstil

Aerobe Bewegungstherapie, eine Diät zum Erreichen des Normalgewichts und die Reduktion krebsfördernder Substanzen wie zum Beispiel Rauchen sind hier die wichtigsten Punkte. In zahlreiche Studien konnte bewiesen werden, dass sich Bewegungstherapie positiv auf die Bewältigung einer Krebserkrankung auswirkt, ja, dass bei bestimmten Krebsarten wie Brustkrebs und Dickdarmkrebs sogar das Rezidivrisiko gesenkt werden konnte. Holmes und Mitarbeiter zeigten 2005 in einer Studie, dass durch gezielte bewegungstherapeutische Maßnahmen das Brustkrebsrezidiv um 50 % gesenkt werden konnte. Wolin zeigte 2009, dass das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, durch regelmäßigen Sport um 24 % verringert wird. Auch im Sinne einer Sekundärprävention wurde von Meyerhardt und Mitarbeitern (2006) nachgewiesen, dass körperliche Aktivität einen signifikant verbessernden Effekt auf das Gesamtüberleben von Dickdarmkarzinompatienten hat. Chelebrowski (2005) zeigt, dass die Reduktion des Übergewichtes eine Verbesserung des rückfallfreien Überlebens bei Brustkrebspatientinnen bewirkt.

Psychische Stabilisierung

Die psychische Situation der Patienten nach Behandlung einer Krebserkrankung ist meist gravierend gestört. Veränderte Lebenssituation, andere Körperidentität, Ängste vor einem Rezidiv und Angst, durch falsches Verhalten ein Rezidiv zu begünstigen, prägen diese Situation. Der psychotherapeutische psychoedukative Bereich stellt somit einen weiteren wichtigen Schwerpunkt in der onkologischen Rehabilitation da. Durch psychoedukative Gruppensitzungen, Einzeltherapien, Entspannungsübungen und Visualisationsübungen kann den Patienten in dieser Phase hilfreich entgegengekommen werden.
Krankheiten, die mit der Erwartung eines lebensbedrohenden Ausgangs verbunden sind, stellen eine potenziell psychisch verletzende Situation dar und können zur Ausbildung von schweren psychischen Störungen führen. Die Diagnose einer Krebserkrankung ist für den Betroffenen meist eine schwere Belastung. Besonders traumatisierend ist, dass der bedrohliche Einfluss nicht aus der Außenwelt stammt, sondern dem eigenen Körper, dem Körperinneren entsprungen ist. Diese psychische Verletzung kann über leichte Symptome, wie Besorgnis, Irritation, Spannung, über körperliche Schmerzen, Angst und Panik, bis zur schweren Depression führen.
Ziel der onkologischen Rehabilitation ist, diesen psychisch verletzenden Zustand zu erkennen und durch gezielte Maßnahmen entgegenzuwirken. Wichtige therapeutische Schritte sind das Finden der inneren Stabilität und das Erlernen eines heilsamen Umgangs mit dem Körper. Hilfreich können hier vor allem Kunst-, Musik- und Gestaltungstherapien sein.

Ressourcenförderung

In der rehabilitativen Betreuung scheint es wichtig, nicht nur die kranken Anteile der Betroffenen zu sehen und zu behandeln, sondern die Menschen anzuhalten, ihre gesunden Anteile zu erkennen und zu fördern, im Sinne der Stärkung eines gesunden Kerns, der in jedem lebenden Wesen existiert. Neben körperlicher Aktivität sind Kreativität, soziale Kontakte, Religion, Philosophie, Spiritualität, Entspannungsübungen und Visualisation wichtige Wege zur Stärkung des gesunden Anteils im Menschen.

Erhöhter Rehabilitationsbedarf

Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ haben sich die berufliche Rehabilitationsbedürftigkeit, die Rehabilitationsbereitschaft sowie die Erfolgswahrscheinlichkeit beruflicher Rehabilitationshilfen bei Krebspatienten geändert. Für die Zukunft ist von einer weiteren Zunahme der Prävalenz erwerbstätiger Krebspatienten und damit einem erhöhten beruflichen Rehabilitationsbedarf auszugehen. In Deutschland gibt es zahlreiche Hilfen, die die berufliche Reintegration Krebskranker erleichtern. Welche Tätigkeiten vom Krebspatienten noch ausgeführt werden können, welche Reintegrationsmöglichkeiten es gibt, wie diese zu organisieren sind und welche berufliche Schutzmaßnahmen es für Krebspatienten gibt, gehört mit zum Handwerkszeug des Rehabilitationsonkologen.

Literatur

1) Barth J. et al.: Berufsorientierte Motivationsklärung – Stellenwert in der onkologischen Rehabilitation In W. Müller- Fahrnow, T. Hansmeier, M. Karoff (Hrsg.) Wissenschaftliche Grundlagen der medizinisch-beruflichen Rehabilitation. Pabst Science Publishers, Lengerich 2006
2) Bürger W.: Psychosoziale Aspekte berufsorientierter Krankheitsbewältigung In A. Hillert, W. Müller- Fahrnow, F. M. Radoschewski (Hrsg.) Medizinisch-berufliche Rehabilitation. Deutscher Ärzteverlag, Köln 2009
3) Holmes M. D. et al.: Physical Activity and Survival After Breast Cancer Diagnosis, JAMA 2005 293(20):2479-2486
4) Meyerhardt JA, et al.: Physical Activity and Survival After colorectal Cancer Diagnosis, Journal of Clinical Oncology, Vol. 24, No 22 (Aug. 1), 2006: 3527-3534
5) Chelebrowski R. T. et al, J. Natl Cancer Inst. 2006; 98:1767
6) Haaf H. G.: Ergebnisse zur Wirksamkeit der Rehabilitation. Rehabilitation 2005; 44: 259-276
7) Heckl u. et al Berufliche Rehabilitation von Tumorpatienten In U. Koch, J. Weis (Hrsg.) Krankheitsbewältigung bei Krebs und Möglichkeiten der Unterstützung. Schattauer, Stuttgart 1998
8) Delbrück H., Witte M.: Vergleich onkologischer Rehabiliationsmaßnahmen und Strukturen in Ländern der Europäischen Gemeinschaft, Nordrhein-Westfälischer Forschungsverbund Rehabilitationswissenschaften. Wuppertal, 2004.
9) Hartmann M. S.: Therapiekonzepte und Anleitungen für Patienten zur psychosozialen Selbsthilfe bei Krebserkrankungen, Verlag J. Pfeifer, München 1991
10) Weis J.: MBO-Assessment und Intervention in der onkologischen Rehabilitation  in W. Müller- Fahrnow, T. Hansmeier, M. Karoff (Hrsg.) Wissenschaftliche Grundlagen der medizinisch-beruflichen Rehabilitation. Pabst Science Publishers, Lengerich 2006
11) Der Onkologe: Volume 12, Nr.: 5 401 - 411