< vorhergehender Beitrag

Lupenreine Handwerkskunst

Der Wunsch, der Zeit auf künstlerische Weise einen würdigen Rahmen zu geben, ist so alt wie die Zeitmessung selbst. Die daraus entstandenen Kunsthandwerke haben über Jahrhunderte ihre Faszination bewahrt.


Es gibt kaum noch Uhrmacher, die alle Komponenten ihrer Produkte selbst fertigen. Ausnahmen bestätigen die Regel, doch in den meisten Fällen macht der dazu notwendige zeitliche und materialtechnische Aufwand ökonomisch wenig Sinn. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts war eine handwerkliche Spezialisierung durchaus üblich. Um das Jahr 1800 arbeiteten allein in Genf fast 5.000 Uhrmacher, Gehäusemacher, Ziselierer, Einschaler, Vergolder, Graveure, Guillocheure und Emailleure. Gemeinsam mit den im Schweizer Jura angesiedelten Kleinbetrieben legten sie den Grundstock für die heutige Schweizer Uhrenindustrie.

Kostbarer Wissenstransfer

Obwohl sich seither viel verändert hat – von den Arbeitsbedingungen bis hin zu technischen Hilfsmitteln – blieb jede der oben genannten Disziplinen bis heute reine Handarbeit. Die eingesetzten Maschinen dienen lediglich der Präzisierung und Beschleunigung der Produktionsschritte. Das menschliche Auge und vor allem die künstlerische Komponente sind durch keine Maschine zu ersetzen. Wer heute einen der zahlreichen Handwerksberufe der Uhrenindustrie erlernen will, erhält zwar eine fundierte Grundausbildung in einschlägigen Berufsschulen, die entscheidenden Fertigkeiten, die über Jahrhunderte überliefert und verfeinert wurden, können aber nach wie vor nur in den Ateliers der Arbeitgeber erlernt werden. Der Wissenstransfer findet also in den Betrieben statt – sowohl in den spezialisierten Zulieferern der Uhrenindustrie als auch in jenen Manufakturen, welche die traditionellen Kunsthandwerke noch unter einem Dach vereinen – beispielsweise Patek Philippe, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre, Piaget, Breguet oder A. Lange & Söhne.

Spezialwissen gefragt

Glücklicherweise lässt sich derzeit ein deutlicher Trend in Richtung Individualisierung von Luxusgütern festmachen. Immer mehr Unternehmen sprechen gezielt Kunden an, die Unikate nach ihren persönlichen Wünschen anfertigen lassen möchten. Zusammen mit dem verantwortungsvollen Umgang der Unternehmen mit der nächsten Generation an Kunsthandwerkern, trägt auch dieser Trend zum Fortbestand der traditionellen Handwerkskünste bei. Für derartige Sonderanfertigungen, aber auch für Kleinserien mit großen Komplikationen und hohem künstlerischen Anspruch ist vonseiten aller beteiligten Handwerker großes Können und viel Erfahrung gefragt.
Der Uhrmachermeister muss in der Lage sein, sein Wissen in den Dienst neuer Entwicklungen zu stellen. Es gilt, die Pfade traditioneller Standards zu verlassen und neue, zuverlässige Mechanismen zu konzipieren. Der Steinsetzer ist in der Uhrenfertigung deutlich stärker gefordert als in der Schmuck­erzeugung, da er seine Kunstfertigkeit der vorgegebenen Uhrenfasson, dem Tragekomfort und der gebotenen Widerstandsfähigkeit der Uhr unterzuordnen hat. Der Graveur – zuständig für die kreative Gestaltung kostbarer Uhrengehäuse – muss imstande sein, jedes erdenkliche Motiv auf kleinstem Raum zu realisieren. Der Guillocheur agiert überhaupt im Mikromillimeterbereich: Mit faszinierender Regelmäßigkeit ritzt er Kurven, Kreise, Wellen oder sogar Phantasiemuster in einzelne Werkteile, Gehäuse oder Zifferblätter. Eine kurze Unkonzentriertheit genügt und der Teil, an dem er womöglich seit Tagen arbeitet, ist nicht mehr zu gebrauchen. Besonders klein ist inzwischen der elitäre Kreis der Emailleure. Nur wenige Menschen haben die Gabe und Geduld dazu, mit einem hauchdünnen Pinselchen eine Farbschicht nach der anderen aufzutragen, unterbrochen von zahlreichen Brennvorgängen, von denen jeder einzelne das Endresultat gefährden kann.