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Liebe(r) nicht!

Erotische Beziehungen zwischen Patienten und Therapeuten sind aus Romanen und Filmen mehr als bekannt. Doch wie weit finden sie in der Praxis statt und wie kann der betroffene Arzt professionell damit umgehen?


„Klare Regeln oder gar Patentrezepte für den Umgang mit erotischer Übertragung in der Arzt-Patienten-Beziehung gibt es nicht.“ Univ.-Prof. Dr. Stephan Doering von der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien

KONTAKT: Univ.-Prof. Dr. Stephan Doering
Leiter der Klinik für Psychoanalyse & Psychotherapie
Medizinische Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien
Tel.: 01/40 400 25 190

Spielen zwei unterschiedliche Lebensgeschichten plötzlich „nahe“ zusammen, kann es zu einer Übertragung kommen – dem Wunsch nach einer Beziehung, der aber aufgrund einer „falschen Verknüpfung“ entsteht. Therapeuten sind von diesem Phänomen durchaus oft betroffen, aber auch bei Medizinern spielt das Thema nicht selten eine zentrale Rolle in der Beziehung zum Patienten. Gefragt ist dann ein „stabiler innerer Zustand“.

David Mann, britischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker, geht in seinem Buch „Psychotherapie: eine erotische Beziehung“ davon aus, dass in nahezu jeder psychoanalytischen Begegnung eine erotische „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ stattfindet. Patienten bringen ihre persönliche Erotik in die Analyse ein, die symbolisch auf die Ur-Erfahrung von Sexualität und Macht verweist. Aufgrund dieser ständig präsenten Erotik überträgt der Patient eine Rolle auf den Therapeuten, der sich in seiner eigenen „erotischen Subjektivität“ innerhalb dieser Beziehung wiederfinden muss.
Dr. Wolfgang Mertens lehrt Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Psychoanalyse an der Ludwig-Maximilians-Universität München und definiert Übertragung als das „Erleben von Gefühlen, Fantasien, Einstellungen und Abwehrhaltungen gegenüber dem Therapeuten, wobei dieses Erleben aufgrund der unbewussten Aktualisierung einer früheren Beziehung zu einer verzerrten Fremdwahrnehmung führt und daher der Gegenwart nicht angemessen ist.“ Gegenübertragung ist die unbewusste Reaktion des Therapeuten auf die Übertragung des Patienten. Sie umfasst alle Gefühle und Einstellungen, die ein Therapeut dem Patienten entgegenbringt.

Erotik allein muss nicht immer im Spiel sein, wenn eine Übertragung in der aktuellen Beziehung zwischen Patienten und Behandler stattfindet. „Patienten können für ihren Arzt vor allem in einer längeren Behandlung durchaus positive Gefühle entwickeln, ihn idealisieren oder auch erotische Fantasien entwickeln“, beschreibt auch Univ.-Prof. Dr. Stephan Doering von der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien. „Oft ist es ja gerade der Arzt, der in einer schwierigen Zeit zum zentralen, wenn nicht sogar einzigen Ansprechpartner für die eigenen Leiden wird. Er hört zu, nimmt sich Zeit, ist nett und freundlich. Natürlich ist es dann naheliegend, dass in dieses Verhalten mehr hineininterpretiert wird, als da ist. Erst recht, wenn die therapeutische Beziehung über viele Monate andauert und sich ein sehr nahes Verhältnis entwickelt“, weiß Doering. Auf frühere Beziehungserfahrungen wird zurückgegriffen und sobald ein Arzt oder Therapeut emotional auf seinen Patienten reagiert, beginnt sich die Spirale zu drehen.

Ohne Emotion geht es nicht

Zahlreiche Reviews und Meta-Analysen zeigen eine Verbesserung gesundheitlicher Outcomes von Patienten im Hinblick auf die Symptomminderung, die Compliance oder die Zufriedenheit mit der Behandlung, wenn die Behandler entsprechend Empathie zeigen. Patientenzentriertheit ist ein Schlagwort der modernen, personalisierten Medizin geworden und setzt voraus, dass Mediziner auch Emotionen einbringen. „Je länger und intensiver eine therapeutische Beziehung ist, umso eher kommt dieser Übertragungsprozess in Gang. Wenn ein Arzt nur alle paar Wochen ein Medikament verschreibt, ist die Chance auf erotische Übertragung gering“, bestätigt Doering. Doch gerade in Fachbereichen wie der Psychiatrie oder Psychotherapie stehen intensive Gespräche, eine sehr enge und tiefgehende Patientenbeziehung im Mittelpunkt des Erfolges.

Lösung aus der Beziehungsfalle

Klare Regeln oder gar Patentrezepte für den Umgang mit erotischer Übertragung in der Arzt-Patienten-Beziehung gibt es nicht. Ebenso gibt es keine empirischen Studien, jedoch eine Vielzahl an Fallberichten, was schon zeigt, wie wenig diese Situation über einen Kamm geschert werden kann. „Wenn es bei einem freundlichen Umgang oder wie etwa bei Landärzten oft üblich einer Einladung zum Kaffee bleibt, so sehe ich jetzt keinen zwingenden Grund, hier größere Diskussionen oder Lösungen anstreben zu müssen. Wichtig ist es, die Situation einschätzen zu können und die nötige Distanz zu behalten“, meint Doering. Werden die Signale eindeutig und intensiver, wie etwa persönliche Mails oder verführerisches Verhalten, so empfiehlt der Experte, das Thema sehr deutlich zu thematisieren, zum Beispiel mit den Worten: „Ich merke, Sie kleiden sich anders und geben sich besonders Mühe ...“ Jedenfalls sollte die Formulierung so gewählt werden, dass der Patient nicht bloßgestellt oder beschämt wird, sondern durchaus die Möglichkeit hat, zu reagieren.

Respektvoller Umgang

Wichtig ist, dass der Arzt oder Therapeut eine Beziehung schafft, in der es möglich ist, die erotische Übertragung wohlwollend zu akzeptieren und den Patienten nicht zurückzuweisen. „Darauf einzugehen verbietet die ärztliche Moral, eine Zurückweisung kann den Therapieerfolg torpedieren, also geht es im Einzelfall um eine Gratwanderung, die der Behandler steuern muss“, so der Experte. Die Message soll heißen: „Ich habe Deine Gefühle verstanden, sie sind auch wichtig und gut, doch es gibt Grenzen, die es einzuhalten gilt.“ „Respektvolles und taktvolles Akzeptieren, ohne darauf in der Realität einzugehen – diese innere Haltung ist die hohe Kunst“, so Doering.

Bei Ärzten kommt im Unterschied zu den Psychotherapeuten noch hinzu, dass nicht nur intensive Gespräche, sondern auch körperlicher Kontakt im Zusammenhang mit der Behandlung. „Jeder Arzt sollte sich bewusst sein, dass natürlich die Berührung des Patienten eine ‚handwerklich‘ notwendige Handlung ist, aber gleichzeitig auch ein sehr intimer Kontakt, den der Patient zulässt. Auch hier entscheidet die respektvolle Haltung, wie sachlich und dennoch empathisch dieser Kontakt abläuft“, meint Doering. rh