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Kuren als Säule der Ganzheitsmedizin

Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, unter anderem Präsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin, Leiter der Abteilung Wissenschaft im Österreichischen Heilbäder- und Kurorteverband und Vizepräsident des Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin, im Wordrap.


Foto: N. N.

Für das Medizinstudium habe ich mich entschieden, … weil es jenes Studium war, das mich am meisten interessierte. Ein wesentlicher Grund war der Kontakt mit den Menschen und mit den Problemen, vor welche das Leben uns stellt.

Ganzheitsmedizin bedeutet für mich … die Befassung mit Gesundheit und Krankheit auf zwei Ebenen. Die erste Ebene betrifft den komplexen Organismus, in dem die einzelnen Funktionen nicht voneinander getrennt gesehen werden dürfen, sondern sich in ständiger Interaktion befinden. Die Betrachtungsweise einer integrativen
Physiologie ist in einer Medizin, die sich durch eine ausgeprägte Subspezialisierung auszeichnet, zu wenig berücksichtigt. Die zweite Ebene ist die Ausweitung von Denkansätzen und Methoden über einen engen naturwissenschaftlichen Rahmen hinaus. Es geht mir dabei um eine kritische Offenheit, die a priori nicht unbedingt alles ablehnt, das nicht der reduktionistischen naturwissenschaftlichen Denkungsweise entspricht, andererseits aber nicht allen Behauptungen unkritisch gegenübersteht.

Die Kurmedizin ist mir wichtig, weil … sie ein in unserem Kulturkreis traditionelles komplexes therapeutisches Verfahren mit präventivmedizinischer Potenz darstellt. Wie viele wissenschaftliche Untersuchungen nachweisen, kommt es nach der Kur zu einer nachhaltigen Verbesserung von Symptomen und Beschwerden, die auch noch ein Jahr nach dem Ende des Kuraufenthaltes nachweisbar ist.

Problematisch … ist im Falle der Balneologie und Klimatologie, dass nach wie vor zu wenig Bereitschaft für eine kontinuierliche adäquate Forschung besteht. Dies birgt einerseits die Gefahr in sich, dass komplexe medizinische Kuren im Rahmen des Gesundheitswesens nicht die Akzeptanz besitzen, die diesen medizinischen Verfahren zukommt, und dass andererseits immer wieder versucht wird, medizinisch seriöse Kuren durch vorwiegend ökonomisch orientierte Angebote zu ersetzen, die keinerlei wissenschaft­liche Fundierung aufweisen. Problematisch im Zusammenhang mit der Ernährungsmedizin sind die ständig angepriesenen Ernährungsformen, die alle möglichen gesundheitlichen Vorteile und Effekte versprechen, die letztlich nicht nachweisbar sind.

Wasser ist … ein den Menschen von jeher faszinierendes Element. In der Medizin wird Wasser seit jeher auch für therapeutische Zwecke verwendet. Nach wie vor Gegenstand der Diskussion ist, ob Wasser, welches besonderen Behandlungen unterworfen wurde, besondere Heilqualitäten beanspruchen kann. Diese zweifelsohne interessante Frage sollte in den nächsten Jahren intensiv wissenschaftlich bearbeitet werden, wobei neuere Erkenntnisse der Physik eine wichtige Rolle spielen könnten.

Für die Zukunft sehe ich besonders viel Potenzial in … einer vernünftigen Kombination von naturwissenschaftlich fundierter Medizin und bestimmten komplementärmedizinischen Verfahren im Sinne einer rationalen integrativen Medizin. Eine mögliche unproduktive Konfrontation zwischen den Proponenten der jeweiligen Denkungsweisen kann dadurch vermieden werden, dass der Indikationsbereich der Methoden klar definiert wird. Daraus kann sich eine fruchtbringende Kooperation im Sinne des Wohls der Patienten ergeben.

Von meinen Publikationen sind mir besonders … diejenigen wichtig, die sich mit der Kur und ihren nachhaltigen Effekten befassen. Von vergleichbarer Wichtigkeit sind auch die Publikationen über chronobiologische Themen und die Publikationen auf dem Gebiet der Mineralstoffe und Spurenelemente. Besonders wichtig ist es aber zu betonen, dass alle Publikationen nur deshalb zustande kommen konnten, weil ich sehr gute Mitarbeiter hatte, denen ich auch heute noch in Dankbarkeit und Freundschaft verbunden bin. Eine für mich sehr wichtige Publikation, die hoffentlich im Jahr 2014 erscheinen wird, ist eine Darstellung des aktuellen Angebotes an natürlichen Heilvorkommen und Kurorte Österreichs. Die letzte derartige Darstellung ist im Jahr 1985 erschienen, es besteht daher ein dringender Aktualisierungsbedarf.

Für die Zukunft der Kurmedizin wünsche ich mir, … dass die Kurmedizin wieder besser in den Universitäten wissenschaftlich verankert wird, wie dies früher der Fall war. Der Stellenwert der komplexen medizinischen Kur als ein wesentlicher Teil des Gesundheitsangebotes kann nur dann erhalten werden, wenn sich die für das Kurwesen wirtschaftlich Verantwortlichen dazu bekennen, dass Kuren eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung benötigen, wie dies in anderen Sparten der Medizin als selbstverständlich akzeptiert wird.

Für die Ausbildung in der Kurmedizin wünsche ich mir, … dass sie weiterhin so erfolgreich durchgeführt wird, wie dies bisher in mehr als 25 Jahren bereits der Fall war.

In meiner Pension konzentriere ich mich auf … die Führung der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin und auf die Weitergabe meiner Erfahrung in meinen Vorlesungen und Vorträgen.     bw

Ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl promovierte 1968 in Innsbruck, Assistenzarzt am Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie und an der 1. Chirurgischen Universitätsklinik in Wien. Seit 1972 am Institut für Medizinische Physiologie der Universität Wien, 1983 Habilitation für medizinische Physiologie. Seit 1986 Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes zur Erforschung physiologischer Rhythmen in Bad Tatzmannsdorf, seit 1994 Facharzt für medizinische Leis­tungsphysiologie. Zahlreiche Ehrenpreise und Funktionen in wissenschaftlichen Vereinigungen und Verbänden, wie etwa Leitung der Abteilung Wissenschaft im Österr. Heilbäder- und Kurorteverband, Mitglied des erweiterten Vorstandes und Ehrenmitglied des Verbandes Österr. Kurärzte, 1. Vorsitzender der Österr. Gesellschaft für Balneologie und medizinische Klimatologie, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung. Schriftleiter der Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“, Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift „Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortemedizin“; seit 2003 Präsident der Wiener Internat. Akademie für Ganzheitsmedizin, seit 2002 Med.-Wiss. Leiter der Akademie für den Diätdienst und ernährungsmedizinischen Beratungsdienst im AKH Wien, seit 2002 Vizepräsident des Akademischen Institutes für Ernährungsmedizin. Zahlreiche Publikationen und Vorträge.