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Kompetenzzentrum „Perinatale Psychiatrie“

Die Mutter/Vater-Kind-Station an der Abteilung für Sozialpsychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im AKH ist einzigartig in Österreich.


Autorin: Ass. Prof. Dr. Brigitte Schmid-Siegel

Autorin: Ass. Prof. Dr. Brigitte Schmid-Siegel
Station für perinatale Psychiatrie, Abteilung für Sozialpsychiatrie; Universitäts-klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien; brigitte.schmid-siegel(at)meduniwien.ac.at

Schwangerschaft und Geburt eines Kindes und die Zeit unmittelbar danach gehören für viele Frauen zu den tiefstgreifenden Lebensereignissen, leiten jedoch auch eine Phase erhöhter Vulnerabilität für psychische Erkrankungen ein. Seit 2004 gibt es einen Schwerpunkt für perinatale Psychiatrie an der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im AKH mit ambulantem und stationärem Behandlungsangebot für psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und im ersten Jahr nach der Geburt. Dieses Angebot wurde laufend erweitert, seit 2009 stehen vier Mutter-Kind-Betten zur Verfügung.

Erhöhtes Erkrankungsrisiko

Die Betreuung der erkrankten Mütter erfordert eine besondere Expertise bezüglich der besonderen Erfordernisse in dieser Lebensphase, Psychopharmaka-Gabe in Schwangerschaft und Stillzeit sowie eine Berücksichtigung der Mutter-Kind-Interaktion. In Österreich leiden jährlich ca. 10.000 Frauen an Schwangerschafts- und Geburts-assoziierten psychischen Erkrankungen unterschiedlichen Schweregrades. So erkranken nach einer Geburt 10 bis 15 % der Frauen an einer postpartalen Depression, 1 bis 10 % an Angst-, Zwangserkrankungen und Posttraumatischen Belastungsreaktionen, 1 % an einer Mutter-Kind-Beziehungsstörung, eine von 1.000 Frauen an einer postpartalen Psychose. Das Erkrankungsrisiko ist für Patientinnen mit bekannter psychischer Erkrankung erhöht, aber auch bis dato psychisch stabile Frauen haben ein deutlich erhöhtes Risiko. So ist im ersten Monat nach der Geburt das Risiko für eine stationäre psychiatrische Aufnahme für alle Frauen sechsfach erhöht (Tabelle 1) und steigert sich exponentiell bei vorbestehender psychotischer Erkrankung. Die postpartale Psychose ist ein oft dramatisches psychiatrisches Krankheitsbild, das meist kurz nach der Geburt, aber auch bis zu drei Monate postpartum auftritt und die ICD-Kriterien einer Manie, schizoaffektiven Störung, Schizophrenie oder akuten psychotischen Störung erfüllt. Eine stationäre Behandlung zum Schutz der Mutter und des Kindes ist zumeist erforderlich.

Langzeitfolgen für Mutter und Kind

Psychische Erkrankungen der Mutter können zu schweren Störungen der Mutter-Kind-Interaktion und des Bindungsverhaltens führen und haben oft schwerwiegende negative Langzeitfolgen für Mutter und Kind. Vor allem diese Störungen stellen eine besondere Herausforderung für die perinatale Psychiatrie dar, da ihre spezifische psychotherapeutische Behandlung sehr vom üblichen Standardprogramm allgemeinpsychiatrischer Stationen abweicht und eine hohe Spezialisierung des multiprofessionellen Teams erfordert. Kinder psychisch kranker Mütter zeigen häufiger kognitive und emotionale Entwicklungsdefizite, hyperaktives Verhalten und eine erhöhte Anfälligkeit für Angsterkrankungen und Depressionen im Erwachsenenalter. Eine von Beginn an bindungsfördernde Mutter/Vater-Kind-Behandlung ist ein wesentlicher präventiver Entwicklungsfaktor für die Kinder.
Während bei vereinzelten Mutter/Vater-Kind-Aufnahmen an einer psychiatrischen Station zumeist die psychiatrische Regelbehandlung unter Beisein des Kindes erfolgt, werden bei einer psychiatrischen Mutter/Vater-Kind-Behandlung in einer spezialisierten Einrichtung zusätzlich die Mutter-Kind-Beziehung, spezifische Rollenkonflikte, Stressoren und Bewältigungsstrategien bearbeitet und entwicklungspsychologische Kenntnisse vermittelt.

Mutter/Vater-Kind-Behandlung an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Station 04-A1

Seit 2004 erfolgten 233 Aufnahmen aus dem Bereich perinataler Psychiatrie, davon 119 Mutter/Vater-Kind-Aufnahmen. Die gemeinsame Aufnahme erfolgte zur Vermeidung einer belastenden Trennung, ist bei akuten Psychosen jedoch manchmal erst nach Abklingen der Akutphase möglich. Neben der Behandlung der psychiatrischen Erkrankung liegt der Fokus auf der Förderung der Mutter-Kind-Beziehung sowie der Behandlung begleitender Bindungsstörungen zum Kind. So gibt es neben psychotherapeutischen Einzelgesprächen zweimal pro Woche eine verhaltenstherapeutische Mutter-Kind-Gruppe sowie in einer Pflegegruppe mit der Säuglingsschwester Still- und Ernährungsberatung, Säuglingspflege und Babymassage. Ein wesentlicher therapeutischer Ansatz ist von Beginn an die Miteinbeziehung von Partnern und engsten Angehörigen zur Förderung familiärer Ressourcen. Das multiprofessionelle Behandlungsteam besteht aus MitarbeiterInnen der Pflege in Voll- und Teilzeit, zwei Säuglingsschwestern für 60 Wochenstunden, einer klinischen Psychologin für 20 Wochenstunden, Physiotherapeutin, Sozialarbeiterin, Ergotherapie und ÄrztInnen.

Modalitäten bei einer Mutter-Kind-Aufnahme

Die Zuweisung erfolgt über gynäkologische oder psychiatrische Abteilungen, der Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie im Otto Wagner Spital, niedergelassenen Bereich, Hebammen, Jugendwohlfahrt, Psychotherapeuten. Voraussetzung zur stationären Aufnahme ist eine ambulante Vorbesprechung mit der Patientin, dem Kindesvater und/oder engsten Angehörigen zur diagnostischen Abklärung, Einschätzung des Schweregrades der Erkrankung und inwieweit die Mutter in der Lage sein wird, ihr Kind zu versorgen. Die Patientin und die Angehörigen werden über den Behandlungsablauf sowie rechtliche als auch finanzielle Rahmenbedingungen informiert. Bei schwer erkrankten Frauen kann eine Mutter-Kind-Aufnahme nur gemeinsam mit einer weiteren Betreuungsperson erfolgen. Die Mitaufnahme des Kindesvaters als Begleitperson zur besseren Einbindung ist häufig sinnvoll.

Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen

Das Kind wird als Begleitperson mit der Diagnose ICD 10: Z76.3 geführt und ist vom Selbstbehalt-Tagsatz befreit. Dies gilt auch für Angehörige, die zur Betreuung des Kindes aufgenommen werden. Rechtlich liegt die Verantwortung für das Kind bei der Mutter. Das Behandlungsteam muss jedoch jederzeit individuell entscheiden, ob die psychisch kranke Mutter diese Verantwortung übernehmen kann, welche Unterstützung sie braucht und ob diese Unterstützung auf der Station vom Pflegeteam oder von Angehörigen geleistet werden kann.

Aufnahmen in Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt (MAG 11)

Die Hälfte der Patientinnen steht in Betreuung der MAG11. Dies trifft zu, wenn die Patientin das Sorgerecht für ihr Kind krankheitsbedingt nicht wahrnehmen kann, andere direkte Angehörige nicht zur Verfügung stehen und somit eine vorübergehende Unterbringung des Kindes bei Krisenpflegeeltern erforderlich ist oder wenn bereits vor oder bei der Geburt aufgrund der Schwere der psychischen Erkrankung der Mutter und fehlender sozialer Ressourcen ein Ausfolgeverbot für den Säugling erfolgt. Bei chronisch psychischen Erkrankungen erfolgen Mutter-Kind-Aufnahmen zur Abklärung der Betreuungskompetenz der Mutter und damit zur weiteren Entscheidungsfindung. Patientinnen in Betreuung der MAG11 sind häufig schwerer krank, auch finden sich häufiger psychosoziale Belastungen wie Armut, ungeklärte Vaterschaft, Partnerprobleme, häusliche Gewalt und Wohnungslosigkeit. Zumeist erfolgt bereits vor der stationären Aufnahme eine Fallkonferenz mit allen involvierten Personen, um Zielvorgaben, Wünsche der Mutter sowie rechtliche, therapeutische und zeitliche Rahmenbedingungen für den Aufenthalt festzulegen. Am Ende des Aufenthaltes erfolgt eine neuerliche Fallkonferenz, in der mit der Patientin, dem Betreuungsteam und Vertretern des Jugendamtes Rahmenbedingungen und Unterstützungen vereinbart werden, unter denen eine Unterbringung des Kindes bei der Mutter zu befürworten ist.

Kooperation mit Geburtshilfe und Neonatologie

Bei psychisch kranken Schwangeren handelt es sich immer um eine Risikoschwangerschaft, die auch bei fehlender Medikation eine engmaschige interdisziplinäre Betreuung verlangt. Frauen mit psychotischen Erkrankungen (affektiv oder aus dem schizophrenen Formenkreis) haben unabhängig von einer pharmakologischen Therapie ein erhöhtes Risiko an Schwangerschaftskomplikationen und Frühgeburt. Die Patientin und ihre Angehörigen müssen über das erhöhte postpartale Psychoserisiko informiert werden. Die Geburt sollte daher möglichst in einem Schwerpunkt-Krankenhaus mit Psychiatrie und Neonatologie erfolgen, die Geburtshilfe sollte zeitgerecht über die Erkrankung der Patientin sowie Medikation und Dosierung informiert werden. Da alle Psychopharmaka die Plazenta­schranke passieren, können bei einer medikamentösen Behandlung bis zur Geburt zentralnervöse, gastrointestinale und respiratorische Anpassungsstörungen beim Neugeborenen auftreten. Eine Reduktion oder Absetzen der Medikation 14 Tage vor der Schwangerschaft ist, wenn das klinische Zustandsbild der Patientin es erlaubt, daher anzustreben. Wenn dies nicht möglich ist, sollte eine postpartale Überwachung des Säuglings gewährleistet sein. Bei akuten Psychosen, schweren Angststörungen und frühen sexuellen Traumatisierungen kann aus psychiatrischer Sicht eine Sektio indiziert sein.

Risiko für stationäre psychiatrische Aufnahme innerhalb des ersten Monats nach der Geburt:

  • sechsfach erhöhtes Risiko für alle Frauen 
  • 21,7-fach bei vorbestehender psychotischer Erkrankung
  • 35-fach für eine Erstgebärende mit vorbestehender psychotischer Erkrankung

zitiert nach Kendell RE (1987)

Erfordernisse an eine Mutter/Vater-Kind-Station an einer psychiatrischen Abteilung:

  • Ein multiprofessionelles Team mit Erfahrung in der Betreuung psychisch kranker Mütter unter Berücksichtigung der Mutter-Kind-Interaktion
  • Widmungsgerechte Ausstattung der Zimmer
  • Möglichkeit zur Aufnahme von in der Säuglingspflege unterstützenden Angehörigen
  • Um eine ausreichende Spezialisierung und Kompetenz des Teams zu gewährleisten, werden in der Literatur mindestens vier Mutter-Kind-Einheiten an einer Station empfohlen.
  • Unterbringung in einem Schwerpunkt-Krankenhaus mit einer Abteilung für Geburtshilfe, Neonatologie und Psychiatrie mit engmaschiger Zusammenarbeit dieser Abteilungen auch über Konsiliardienste (Geburtshilfe, Hebammen, Pädiatrie, Psychiatrie)