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Gesunde Investments

Der Gesundheitssektor erlebt an der Börse einen Boom. Die Perspektiven bleiben exzellent – denn: Innovative Medikamente, Rekordgewinne der Unternehmen sowie vielversprechende klinische Daten, Produktzulassungen und -lancierungen sorgen für einen anhaltend kräftigen Wachstumsschub.


Tazio Storni, Pictet Funds.

Harald Schwarz, Medical Strategy.

Christian Lach, Adamant Biomedical Investments

Harald Kober, Erste-Sparinvest. Fotos: ZVG

qWer in den vergangenen Jahren sein Geld in Gesundheitsaktien investierte, konnte grundsätzlich nichts falsch machen. Ein Rückblick auf die Performance verrät, dass man gar Jahr für Jahr überdurchschnittliche Gewinne einstreifen konnte: Über die letzten ein, drei und fünf Jahre brachte eine Veranlagung in den Healthcare-Sektor rund 15 Prozent per anno im Schnitt, in etwa doppelt so viel wie der breite Markt. Noch weitaus besser lief der Biotech-Sektor: die Per-anno-Performance beschleunigte sich von 32 Prozent über fünf Jahre auf 44 Prozent über drei Jahre und 63 Prozent über ein Jahr. Bei Letzterer hat für Euro-Investoren zusätzlich der starke US-Dollar kräftig mitgeholfen, nachdem die meisten Biotec Companies und vor allem die Marktführer in den USA beheimatet sind.
Die wesentlichen Katalysatoren für Gesundheitsaktien bleiben intakt und nehmen sogar noch an Dynamik zu. Denn die langfristigen Trends Innovation, Demografie und Emerging Markets führen zu verstärkter Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Da man für die richtige Titelauswahl nicht nur medizinische Fachkenntnisse benötigt, sondern auch ständig die jüngsten Entwicklungen in puncto klinische Daten, Produktzulassungen und -lancierungen verfolgen muss, ist es ratsam, in ein breites und professionell verwaltetes Portfolio von Gesundheits- oder Biotech-Aktien zu investieren.
Tazio Storni, Senior Investment Manager und verantwortlich für den Pictet-Health Fund, bringt das Thema Demografie und Gesundheitsausgaben auf den Punkt: „Die Lebenserwartung ist seit 1980 um 20 Jahre gestiegen. Bis zum Jahr 2025 werden 15 Prozent der Bevölkerung und bis 2050 bereits 22 Prozent der Weltbevölkerung über 60 Jahre alt sein.“ Zwei Drittel der Gesundheitsausgaben in den USA, dem größten Gesundheitsmarkt, entfallen auf die Bevölkerung 60+. Und: Mehr als 50 Prozent aller neuen Medikamentenentwicklungen zielen auf Krankheiten von älteren Personen ab. Ältere Personen haben generell einen höheren Medikamentenkonsum und viele dieser Medikamente müssen chronisch eingenommen werden. Auch teurere Behandlungen wie Krebstherapien sind häufiger, weil das Risiko für Krebs mit dem Alter zunimmt. Ein weiterer Katalysator für den Gesundheitsbereich ist die steigende Mittelschicht in den Schwellenländern als neue Klientele. Noch sind deren Ausgaben mit ein bis drei Prozent des BIP gering, verglichen mit 17 Prozent in den USA oder elf Prozent in Österreich. Doch ihr Anteil wächst sehr dynamisch, vor allem Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Typ-II-Diabetes und Herzkreislauferkrankungen nehmen rasch zu.

Neu und innovativ
Der große Treiber im Gesundheitssektor ist freilich die Biotechnologie mit ihren völlig neuen, innovativen Lösungsansätzen auf molekularer Basis aus Proteinen und Antikörpern, die direkt bei den Auslösern von akuten und chronischen Erkrankungen ansetzen. Seit 2011 ließ die US Food and Drug Administration (FDA) bereits an die 150 solcher innovativer Medikamente zu, davon allein rund 40 im vergangenen Jahr. Zu den großen Highlights 2014 zählten Keytruda von Merck & Co oder Opdivo von Bristol-Myers Squibb (BMS) als erste Medikamente der neuen Klasse von Checkpoint-Rezeptor PD-1 Antikörpern zur Immuntherapie gegen Krebs. Neue Erfolge gab es auch in der Behandlung der Viruskrankheit Hepatitis C: Nachdem Gilead Sciences Ende 2013 die Zulassung für das bahnbrechende Medikament Sovaldi erhalten hatte, lancierte das US-Biotechunternehmen mit der Kombinationstherapie Harvoni ein weiteres Medikament. AbbVie brachte mit Viekira Pak Ende 2014 ein weiteres neuartiges Arzneimittel zur Behandlung von Heptatitis C auf den Markt.
„Im ersten Quartal 2015 gab es bereits zehn weitere Zulassungen“, berichtet Harald Schwarz, geschäftsführender Gesellschafter von Medical Strategy und Fondsmanager des FCP OP Medical Bio-Health-Trends. Dazu zählen etwa Cosentyx, eine neue Substanzklasse von Novartis gegen Psoriasis oder Cresemba von Astellas/Basilea zur Behandlung von lebensbedrohlichen Pilzinfektionen oder das Glargin-Insulin Toujeo von Sanofi. Der französische Pharmakonzern kann damit seinen größten Hoffnungsträger gegen Diabetes in den USA auf den Markt bringen, nachdem das Patent für Lantus, ihr mit Abstand wichtigstes Medikament, in diesem Jahr abgelaufen ist. Man kann also davon ausgehen, dass 2015 ein neuer Zulassungsrekord erreicht wird. Denn die Pipelines der Unternehmen sind gut gefüllt.

Therapiefokus
Der ungebrochen wichtigste Forschungsschwerpunkt ist die Onkologie. Einer der gegenwärtig größten Hoffnungsträger ist dabei die Immuntherapie mithilfe der Anti-PD-1/PDL-1 Checkpoint-Inhibitoren: Sie hemmen die Signalwege, lösen gewissermaßen die Bremsen der T-Zellen und geben damit der Körperabwehr wieder die Möglichkeit, den Tumor zu attackieren. „Vier der zehn weltweit wertvollsten R&D-Projekte gehören dieser Substanzklasse an“, berichtet Mario Linimeier von Medical Strategy. Die wichtigsten Player sind Bistol-Myers Squibb (BMS), Merck & Co, Novartis, Roche, AstraZeneca und Pfizer in strategischer Allianz mit der Darmstädter Merck KGaA.
Ein anderer Ansatz, den unter anderem Novartis als Pionier verfolgt, ist die Entwicklung von Technologien auf Basis von T-Zellen mit chimären Antigenrezeptoren, im Fachjargon CAR-T-Zelltherapie genannt. Der Unterschied zur Technologie mit Checkpoint-Inhibitoren: „CAR-T programmiert körpereigene Killerzellen (T-Zellen) auf möglichst spezifische und zukünftig möglicherweise sehr individuelle Weise auf den Krebs, damit das Immunsystem diesen kontrollieren kann“, erklärt Christian Lach, Portfoliomanager der Schweizer Vemögensverwaltungsgesellschaft Adamant Biomedical Investments. Die Technologie ist individueller. „Es wäre eine breite Anwendung vorstellbar.“ Die Gentherapie ist zwar vielversprechend. Die meisten Wirkstoffe befinden sich aber noch in einer frühen Studienphase, erst eine Handvoll hat Phase III erreicht. Zugelassen ist derzeit erst ein Medikament in der EU, und zwar Glybera von der holländischen uniQure gegen den familiär bedingten Stoffwechseldefekt eines Lipoprotein Lipase-Mangels (LPL). „Das Risiko/Nutzen-Verhältnis muss möglicherweise durch weitere Studien bestätigt werden“, sagt Schwarz. Die Technologie-Plattform von uniQure ist jedenfalls vielversprechend. Bristol-Myers Squibb ist deshalb kürzlich eine exklusive strategische Zusammenarbeit zur Entwicklung von Gentherapien im Bereich kardiovaskulärer Krankheiten eingegangen.
Ein weiteres aktuelles Branchenthema ist die neue Klasse der Cholesterin-
senker vom Typ PCSK9-Inhibitoren zur
Prävention von Herzerkrankungen, die – im Gegensatz zu den Statinen wie Lipitor von
Pfizer oder Crestor von
AstraZeneca – nicht als Tabletten, sondern als Biologika aus lebenden Zellen für den intra­venösen Gebrauch hergestellt werden. Die beiden Vorreiter dieser Wirkstoffe, die primär bei Patienten mit vererbter familiärer Hypercholesterinämie eingesetzt werden sollen, sind Amgen mit Evolozumab und Sanofi/Regeneron mit Praluent, deren Zulassungen diesen Sommer erwartet werden. Im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der weltweit häufigsten Todesur-sache, werden große Erwartungen in das neue Medikament LCZ696 von Novartis gegen chronische Herzinsuffizienz gesetzt, das ebenfalls diesen Sommer von der FDA zugelassen werden dürfte.
Frische Dynamik ist in die Entwicklung von neuen Antibiotika gekommen. Denn Keime, gegen die herkömmliche Antibiotika machtlos sind, werden weltweit zu einem immer größeren Problem. Zudem hatten sich die Pharmakonzerne in den vergangenen Jahren zunehmend aus der Infektionsforschung zurückgezogen. Inzwischen unterstützt die FDA im Rahmen ihres GAIN-Act (Generating Antibiotic Incentives Now) die Entwicklung neuer Medikamente durch schnellere Zulassung und längere Marktexklusivität. Zu den spannenden Unternehmen in diesem Bereich zählen etwa das US-Unternehmen Cubist, das zur Jahreswende von Merck & Co um 9,5 Milliarden US-Dollar übernommen wurde, sowie die US-Gesellschaften Tetraphase und Cembra oder die Schweizer Basilea.

Biosimilars
Seit Beginn des Jahrtausends sah sich die Pharmaindustrie zunehmend mit Patent­abläufen konfrontiert, die mit der gefürchteten Patentklippe 2012 ihren Höhepunkt erreichten. Sie sind zwar weiterhin Thema, doch sie haben inzwischen ihren Schrecken verloren. Denn die Pharmaindustrie hat sich durch Übernahmen, Fusionen, Abspaltungen und Restrukturierungen zur Kostenreduzierung neu aufgestellt. Inzwischen erreicht das Thema Patentablauf auch Biotech-Medikamente, die sukzessive durch Biosimilars ersetzt werden. In Europa wurde bereits im Herbst 2013 erstmals eine biotechnologische Kopie von der südkoreanischen Celltrion mit US-Partner Hospira für das Originalmedikament Remicade (Merck & Co/Johnson & Johnson) gegen entzündliche Krankheitsprozesse zugelassen. Mit einiger Verzögerung haben Biosimilars nunmehr auch die USA erreicht: Anfang März erhielt die Novartis-Tochter Sandoz von der FDA die Genehmigung für Zarxio als Ersatz für Neupogen/Neulasta von Amgen gegen Infektionen im Verlauf einer Chemotherapie-induzierten Neutropenie. Marktführer Sandoz arbeitet inzwischen an Kopien für die Rheumamittel Humira (AbbVie) und Enbrel (Pfizer/Amgen) oder das Krebsmittel Rituxan (Roche/Genentech/Biogen). „Bis 2019 sind 70 Prozent der Umsätze 2013 von den Big Biotech Companies von Patentabläufen bedroht“, resümiert Schwarz. Im Gegensatz zur klassischen Pharmaindustrie haben diese jedoch längst für innovativen Nachschub gesorgt. Außerdem: „Die Entwicklung von Biosimilars ist weitaus komplexer als von Generika“, betont Harald Kober, Fondsmanager des ESPA Biotec. „Sie dauert länger und kostet weitaus mehr – konkret: acht bis zehn Jahre Forschungszeit statt drei bis fünf und 100 bis 200 Millionen US-Dollar Forschungskosten statt ein bis fünf Millionen. Zudem ist sie mit klinischen Studien für die Zulassung verbunden und der Preisvorteil gegenüber dem Originalmedikament beträgt etwa 30 Prozent verglichen mit 70 bis 90 Prozent für Generika.“ Dass Biosimilars ein profitables Geschäft versprechen, hat Pfizer vor wenigen Monaten dazu veranlasst, Hospira, den weltgrößten Produzenten von patentfreien injizierbaren Medikamenten für 17 Milliarden US-Dollar zu übernehmen.
Kurzum: Die dynamische Entwicklung im Healthcare-Sektor schlägt sich entsprechend positiv in den Portfolios der Anleger nieder: Klassische, Cash-reiche Pharmaunternehmen schütten zum Teil ansehnliche Dividenden aus. Erfolgreiche Biotech-Gesellschaften glänzen mit kräftigen Kurssprüngen. Die Wachstumsaussichten bleiben intakt: „Zweistellige Gewinnsteigerungen von etwa 15 bis 20 Prozent für Biotech, hohe einstellige für Pharma, niedrige zweistellige für Generika und rund zehn Prozent für Medtech“, resumiert Kober die Erwartungen für die nächsten Jahre. Die Auswahl der Titel überlässt man jedoch am besten einem professionellen Fondsmanager. emb