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Gesunde Aktien

Die Aussichten für den Gesundheitssektor sind glänzender als für jede andere Branche. Mit Healthcare-Aktien darf man somit auch in Zukunft auf einen überdurchschnittlichen Renditeschub in seinem Wertpapierdepot zählen.


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„Bis 2050 steigt die Weltbevölkerung um ein Drittel auf 9,1 Milliarden Menschen und der Anteil der über 60-Jährigen verdreifacht sich auf zwei Milliarden.“ Cyrill Zimmermann, Bellevue Asset Management

„Der Biotech-Sektor ist die Innovations-maschine für neue, bahnbrechende Therapien, die zu neuen Standards bei einer Reihe von schweren Erkrankungen führen.“ Harald Schwarz, Medical Strategy

„Es ist wahrscheinlich, dass Keytruda von Merck & Co sowie Opdivo und Yervoy von Bristol-Myers Squibb noch für weitere Onkologie-Indikationen zugelassen werden.“ Samuel Stursberg, Bellevue Asset Management

„Mit dem neuen Kombipräparat Orkambi von Vertex gegen Zystische Fibrose können von den 60.000 bis 70.000 betroffenen Patienten 30.000 behandelt werden.“ Tazio Storni, Pictet Asset Management

Die jüngsten Turbulenzen auf den Kapitalmärkten – ausgelöst durch den Kurssturz in China – haben viele Anleger in der Ärzteschaft auf dem falschen Fuß erwischt. Auch die Aktienkurse von soliden Pharma- und Biotech-Unternehmen waren empfindlich unter Druck geraten. Die Panikmache hatte allerdings wenig mit den Fundamentaldaten zu tun: In den USA ist die Wirtschaft robust und in Europa erholt sie sich zunehmend, nicht zuletzt dank der Entspannung in der Griechenlandkrise. Die ökonomischen Indikatoren signalisieren somit, dass die Weltwirtschaft keineswegs am Rande einer Rezession steht. Finanzexperten gehen deshalb davon aus, dass die nunmehrige Korrektur keinen Trendwechsel in einen Bärenmarkt eingeleitet hat. Gesundheitsleistungen sind freilich ziemlich unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung gefragt. Einige Katalysatoren bewirken vielmehr, dass die Aussichten für den weltweiten Gesundheitsmarkt so vielversprechend sind wie in kaum einer anderen Branche – konkret: Immer mehr Menschen werden immer älter und benötigen in zunehmendem Maße Medikamente. In den Schwellenländern steigt die Nachfrage aufgrund des steigenden Wohlstands und der Übernahme von westlichen Gewohnheiten, durch die die Häufigkeit von Zivilisationskrankheiten zunimmt. Der anhaltende Wachstumskurs des Gesundheitssektors bleibt fundamental somit völlig intakt. Von diesem Megatrend profitieren Ärzte trotz ihrer guten medizinischen Fachkenntnisse am besten über ein breit gestreutes Portfolio in Form von Fonds.

Demografie und Schwellenländer

„Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Erdbevölkerung bis 2050 um ein Drittel auf 9,1 Milliarden Menschen steigen und der Anteil der über 60-Jährigen wird sich auf zwei Milliarden verdreifachen“, bringt Cyrill Zimmermann, Head Healthcare Funds & Mandates der Schweizer Bellevue Asset Management, das Thema Demografie auf den Punkt. In den Indus-triestaaten werden die Senioren knapp 40 Prozent ausmachen, in Japan mehr als 40 Prozent, in China durch die in den 1970er-Jahren verordnete Ein-Kind-Politik rund
30 Prozent. Die Folgen der Überalterung liegen auf der Hand: Krankheiten wie Bluthochdruck, Arthritis, Diabetes, Krebs oder Schlaganfall sind stark im Steigen begriffen. Dass der ungesunde Lebensstil mit falscher Ernährung, übermäßigem Stress und Bewegungsmangel, der Fettleibigkeit und die Erkrankung an Diabetes mellitus samt Folgeerkrankungen begünstigt, ist längst nicht mehr bloß Thema der Industriestaaten. Durch die Globalisierung ist das Problem inzwischen auch in den Schwellenländern stark verbreitet. Damit steigt auch der Bedarf an medizinischen Leistungen. Immerhin: „In Ländern wie Brasilien, China oder Indien reagieren die Regierungen auf die Herausforderungen mit höheren Budgets für die Gesundheitsvorsorge. Zugleich steigt mit einer wachsenden Mittelschicht der Anteil der Selbstzahler“, skizziert Zimmermann, der in diesen Ländern regelmäßig vor Ort ist. Wie enorm groß das Aufholpotenzial ist, lässt sich am Anteil der Gesundheitsausgaben an der Wirtschaftsleistung leicht ablesen: In China liegt er erst bei fünf Prozent, in Indien bei vier Prozent und in Brasilien bei neun Prozent – im Vergleich zu 18 Prozent in den USA. Auch wenn China künftig ein schwächeres Wirtschaftswachstum verzeichnet, werde am geplanten Ausbau des Gesundheitssystems nicht gerüttelt, ist Zimmermann überzeugt.

Therapiedurchbrüche

Neben Überalterung der Gesellschaft und Aufholpotenzial der Schwellenländer sind vor allem die neuartigen Medikamente der stärkste Wachstumstreiber der Gesundheitsbranche. „Angesichts der wissenschaftlichen Durchbrüche in der Biologie ist der Biotech-Sektor die Innovationsmaschine für neue, bahnbrechende Therapien, die zu neuen Standards bei einer Reihe von schweren Erkrankungen führen“, betont Harald Schwarz, geschäftsführender Gesellschafter von Medical Strategy und Fondsmanager des FCP OP Medical Bio-Health-Trends. Die wissenschaftlichen Erfolge zeigen sich deutlich an den steigenden Zulassungszahlen: „Seit Beginn des neuen Innovationszyklus Anfang 2011 wurden über 150 neue, zum Teil bahnbrechende Arzneimittel von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA zugelassen, bis Ende 2018 werden laut GlobalData voraussichtlich weitere 170 auf den Markt kommen“, sagt Schwarz.
Bei der Medikamentenentwicklung steht klar das Gebiet der Onkologie im Vordergrund. Besonders vielversprechend sind die Immuntherapien, bei denen das körpereigene Immunsystem aktiviert wird, Tumorzellen mithilfe der Checkpoint-Inhibitoren zu erkennen und auszuschalten. Einige Medikamente mit einem derartigen Ansatz sind bereits auf dem Markt: Yervoy und Opdivo, beide von Bristol-Myers Squibb (BMS), werden gegen maligne Melanome eingesetzt. Opdivo ist mittlerweile auch für nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC) in den USA und in der EU zugelassen und hat in einer Phase-III-Nierenkrebs-Studie frühzeitig ihren Endpunkt erreicht. Merck & Co hat mit Keytruda neuerdings ebenfalls die Zulassung für einen Wirkstoff gegen bösartigen Hautkrebs erhalten und dürfte bald auch die FDA-Genehmigung für den Einsatz gegen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs bekommen. „Es ist wahrscheinlich, dass diese Produkte noch für weitere Onkologie-Indikationen zugelassen werden“, meint Samuel Stursberg, Head Research Bellevue Asset Management Healthcare Funds & Mandates. „Sie sind auch prädestiniert, als Kombinationspräparate mit anderen immunonkologischen Produkten oder bereits existierenden Ansätzen entwickelt zu werden.“ Im Wesentlichen geht es darum, ergänzt Tazio Storni, Fondsmanager von Pictet Health, „durch Kombinationen die Wirksamkeit zu erhöhen, dabei aber die Toxizität zu minimieren.“ Merck & Co prüft den Einsatz ihres erfolgreichen monoklonalen Antikörpers bereits in 30 weiteren Krebsarten. Die neue Substanzklasse könnte somit in einigen Jahren das Rückgrat für einen Großteil der Krebs­therapien sein.

Wichtige Player

Roche stellte auf dem diesjährigen Europäischen Krebskongress (ECC) Ende September in Wien neue Daten zu Immuntherapeutika für Lungen- und Blasenkrebs vor, von denen sie mit der Zulassung im Laufe des nächsten Jahres rechnet. AstraZeneca und Pfizer sind ebenfalls wichtige Player im Bereich der Immunonkologie. Neuerdings mischt auch das Wiener Biotech-Unternehmen Apeiron Biologics, das vor zehn Jahren von Josef Penninger, dem wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) gegründet wurde, mit: Apeiron ging vergangenen August eine strategische Kooperation mit dem Hamburger Wirkstoffforschungs- und -entwicklungsunternehmen Evotec und dem französischen Pharmakonzern Sanofi ein, um gemeinsam neue niedermolekulare Krebsimmuntherapien zu entwickeln. Neben Forschungszahlungen winken im Erfolgsfall Meilensteinzahlungen von über 200 Millionen Euro sowie etwaige künftige Umsatzbeteiligungen.
Große Erfolge verzeichnet die Medizin im Bereich Hepatitis C. Mit den innovativen Medikamenten Sovaldi sowie dem Kombinationspräparat Harvoni, beide von Gilead, und Viekira Pak von AbbVie wurde ein Quantensprung für Heilungserfolge eingeleitet. Demnächst kommt mit Merck & Co ein weiterer Anbieter auf den Markt: Die FDA-Zulassung für eine Therapie mit Grazoprevir/Elbasvir (100 mg/50 mg) wird am 28. Jänner 2016 erwartet.

Jüngstes Highlight bei therapeutischen Durchbrüchen ist der Cholesterinsenker mit den sogenannten PCSK-9 Inhibitoren: In einem Kopf-an-Kopf-Rennen wurde Praluent von Sanofi/Regeneron Ende Juli und Repatha von Amgen Ende August zugelassen. Die subkutan gespritzten Medikamente sind nicht nur effizienter als bisherige Wirkstoffe, sondern haben auch weniger Nebenwirkungen. „Großfirmen wie Merck & Co und Eli Lilly, aber auch kleinere Firmen wie Esperion, Alnylam, oder The Medicines Company sind auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv“, berichtet Stursberg. Der Wirkstoffkandidat von Alnylam, ein RNAi-Medikament, befindet sich zwar noch in einer frühen Phase der klinischen Entwicklung, verfügt aber dank seines einzigartigen Wirkmechanismus und seines vereinfachten Verabreichungsschemas über das Potenzial, mit den bereits zugelassenen Produkten effektiv zu konkurrieren.

Einen neuerlichen Erfolg gibt es bei der Behandlung von Zystischer Fibrose: Das US-Unternehmen Vertex, seit 2012 bereits mit Kalydeco auf dem Markt, erhielt zur Jahresmitte die FDA-Zulassung für das Kombipräparat Orkambi. „Damit können von den 60.000 bis 70.000 betroffenen Patienten künftig 30.000 statt bisher 5.000 behandelt werden“, erklärt Storni.
Als eines der nächsten Highlights erwartet Schwarz von Medical Strategy die FDA-Genehmigung für Patiromer vom US-Unternehmen Relypsa, ein neuartiges Polymer zur Behandlung von Hyperkaliämie von Diabetikern, indem das Kalium im Darm gebunden wird. Die Schweizer Actelion dürfte gegen Ende dieses Jahres die FDA-Zulassung für Uptravi und damit für ein weiteres Medikament gegen pulmonale arterielle Hypertonie (PAH) erhalten. Andere spannende Novitäten sind etwa der orale JAK-Hemmer Baricitinib gegen rheumatoide Arthritis von Eli Lilly und Incyte, das Diabetes-Medikament LixiLan als neuartige GLP-1/Basal-Insulin-Kombination von Sanofi und Zealand Pharma oder Andexanet alfa als universelles Antidot für Faktor-Xa-Hemmer von der US-Firma Portola Pharmaceuticals, mit deren FDA-Zulassung im Laufe des nächsten Jahres gerechnet wird.

Wachstum für Biotech

Nachdem bereits jedes zweite innovative Medikament aus einem Biotechlabor stammt, viele davon Milliardenumsätze einbringen und die Produktpipelines weiterhin mit erfolgversprechenden Wirkstoffkandidaten prall gefüllt sind, ist bei Biotechunternehmen das höchste Wachstum zu erwarten. Die Umsätze dürften im Schnitt rund 15 Prozent pro Jahr steigen. Generikahersteller können ebenfalls mit zweistelligem Wachstum von durchschnittlich zehn Prozent rechnen: Sie profitieren vom steigenden Bedarf an bezahlbaren Medikamenten mit gutem Wirkprofil, dem Spardruck in den Industrieländern und dem Aufbau der Gesundheitssysteme in den Emerging Markets. Für Pharma und Medtech werden dagegen nur einstellige Wachstumsraten erwartet. Im Bereich Dienstleistungen, auf den rund 85 Prozent der gesamten Gesundheitsindustrie entfallen, werden die Umsätze je nach Sektor zwischen zwei und zehn Prozent steigen. Diese Wachstumsraten spiegeln sich in der Gewinndynamik von Healthcare-Aktien wider. Mutige greifen zu Biotech-Aktien, weniger Mutige zu etablierten Gesundheitsunternehmen mit ansprechender Dividendenrendite. Wer keine großen Risiken mit Einzeltiteln eingehen will, investiert besser in einen professionell verwalteten Fonds. Nachdem die Kurse deutlich korrigiert haben, ist der Einstiegszeitpunkt jedenfalls jetzt günstig. emb