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Die sichere Privatpension

Klassische Lebensversicherungen sind zwar ein stinkfades Produkt, dank ihrer Garantien aber umso beliebter in turbulenten Zeiten. Auch bei den fonds- und indexgebundenen Pendants steht die Garantie im Vordergrund.


In den USA hat die Babyboomer-Generation inzwischen das Rentenalter erreicht. Der Höhepunkt der Pensionsantrittswelle wird für 2020 erwartet. Europa steht dieser Entwicklung kaum nach. 2025 ist es in den meisten Ländern, darunter auch Österreich, ebenfalls so weit. Nach einer Studie des Versicherungskonzerns Allianz werden zu diesem Zeitpunkt 665.000 Österreicher zwischen 60 und 65 Jahre alt sein – rund 43 Prozent mehr als 2010. Das bedeutet einen schlagartigen Anstieg an Pensionsantritten innerhalb eines kurzen Zeitraums. „Damit wird das nach dem Umlageverfahren finanzierte staatliche Pensionssystem noch schneller und stärker unter Druck kommen“, warnt Wolfgang Littich, Vorstandsvorsitzender der Allianz Gruppe in Österreich.

Die bevorstehende Akkumulation an Pensionsantritten ist aber nur ein Teil des Problems. Dazu kommt, dass die Österreicher nach den Franzosen der Vize-Europameister bei der Pensionsdauer sind. Sie verbringen heute im Schnitt mehr als 23 Jahre in der Pension – in etwa doppelt soviel wie 1970.
Doch niemand weiß heute genau, ob er nicht noch viel länger im Ruhestand verweilt oder gar zu einem Pflegefall wird. Wer das biometrische Risiko der Langlebigkeit finanziell komplett absichern will, kommt um eine Lebensversicherung als Vorsorgeinstrument wohl nicht herum.

Lebensversicherung stopft Lücken

Ständig steigende Lebenserwartung, konstant niedriges faktisches Pensionsantrittsalter und rückläufige Geburtenraten bringen das staatliche Pensionssystem nach dem Umlageverfahren immer mehr in die Bredouille. Eine Pension aus der Sozialversicherung wird zwar nicht prinzipiell in Frage gestellt, aber sie wird künftig vermutlich bestenfalls die Grundbedürfnisse decken können. Wer seinen gewohnten Lebensstandard im Alter aufrecht erhalten will, muss daher rechtzeitig privat vorsorgen, um die Lücke zwischen Aktiveinkommen und Pensionsleistung zu schließen. Diese Lücke ist aufgrund der gedeckelten staatlichen Höchstpension freilich umso größer, je höher das Einkommen im aktiven Arbeitsleben war. Wie ein Blick in den Pensionslückenrechner der Sparkassen Versicherung verrät, muss sich ein 50-jähriger Arzt, der monatlich 5.000 Euro brutto verdient und mit 65 Jahren in Pension gehen will, heute schon bewusst sein, dass ihm ohne private Vorsorge eine monatliche Lücke von 1.754 Euro bevorsteht. Für einen 40-Jährigen beträgt sie bereits 2.374 Euro und für einen 30-Jährigen gar 3.151 Euro.

Diese Bedrohung muss man freilich nicht tatenlos hinnehmen, sondern kann durch Vorsorgesparen gegensteuern. Dabei gilt immerhin: Je jünger, umso leichter, weil der Ansparprozess über einen längeren Zeitraum verteilt werden kann. Dazu ein konkretes Beispiel: Für eine garantierte lebenslängliche monatliche Pension von 1.000 Euro zum Pensionsantrittsalter von 65 Jahren muss ein 30-Jähriger monatlich 488 Euro, ein 40-Jähriger 745 Euro und ein 50-Jähriger 1.329 Euro ansparen.
Wer bei der Pensionsvorsorge auf Nummer sicher gehen will, ist in einer klassischen Lebensversicherung am besten aufgehoben, weil sie auch in turbulenten Zeiten hohe Stabilität zeigt: „Sie hat Energiekrise, dotcom-Blase oder Finanzkrise unbeschadet überstanden“, betont Manfred Baumgartl, Vorstand der Allianz Lebensversicherung. Mit einer klassischen Lebensversicherung kann man vor allem deshalb gut schlafen, weil zum einen das einbezahlte Kapital (= die Sparprämie nach Abzug von Versicherungssteuer und Kosten) und zum anderen ein Mindestzins für die gesamte Laufzeit der Polizze garantiert sind, sodass man heute schon weiß, wie hoch das Kapital am Ende der Laufzeit in jedem Fall sein wird. Darüber hinaus wird der Polizze jährlich eine Gewinnbeteiligung unwiderruflich gutgeschrieben. Sie setzt sich aus den Erträgen, die von der Versicherung aus der Veranlagung auf den Kapitalmärkten über den Garantiezins hinaus erwirtschaftet werden, aus den sogenannten Sterblichkeitsgewinnen, also wenn weniger Versicherte sterben als erwartet, und den Kosteneinsparungen der Gesellschaft zusammen.

Garantierter Ertrag

Garantien haben allerdings ihren Preis: Nachdem mit Anleihen, in die Versicherungen vorwiegend veranlagen, seit Jahren immer weniger zu verdienen ist, werfen klassische Lebensversicherungen auch immer weniger Ertrag ab. Vor fünf Jahren wurde den Versicherungsnehmern noch eine Gesamtverzinsung zwischen vier und knapp fünf Prozent geboten. Für 2011 beträgt sie meist nur noch 3,25 bis 3,67 Prozent. Damit die Assekuranz nicht Gefahr läuft, mehr auszahlen zu müssen, als sie selbst verdient, hat die Finanzmarktaufsicht mit 1. April dieses Jahres die maximale Garantieverzinsung für Neuabschlüsse von 2,25 auf zwei Prozent gesenkt. „Der niedrige Rechnungszins ist kein Nachteil“, erklärt Rudolf Mittendorfer, Geschäftsführer des Wiener Versicherungsmaklers und Vermögensberaters Verag, „weil er dem Versicherer größeren Spielraum in der Veranlagung ermöglicht.“ Damit steigen die Chancen auf höheren Zinsgewinn. Entscheidend ist letztlich die Gesamtverzinsung.
Auch wenn Lebensversicherungen keine üppigen Renditen abwerfen, hat die langfristige Erfahrung zumindest gezeigt, dass der Gesamtzins stets höher war als die Inflation. Das liegt daran, dass der Deckungsstock, in dem die Gelder der Versicherten verwaltet werden, auf Zinsänderungen ausgesprochen träge reagiert, weil neue Papiere nur im Ausmaß der Neuzuflüsse und abgelaufenen Anleihen angeschafft werden müssen. Nachdem die Versicherungen noch viele alte Anleihen mit höherem Kupon in ihrem Bestand haben, „halten wir die Niedrigzinsphase noch eine Weile durch“, beruhigt Baumgartl. Fazit: Lebensversicherungen schützen – zumindest langfristig – vor Inflation.

Varianten der Lebensversicherung

Die klassische Lebensversicherung wird heute vor allem in drei Varianten angeboten – als Er- und Ablebensversicherung, als reine Erlebensversicherung und als dezidierte Rentenversicherung. Am beliebtesten ist die Er- und Ablebensversicherung, eine Kombination aus einem Ansparprodukt mit einer vertraglich garantierten Mindestkapitalleistung und einer Risikoversicherung, die bei vorzeitigem Tod des Versicherten die vereinbarte Versicherungssumme plus die angesammelten Gewinnanteile an den Begünstigten auszahlt. Während bei der Er- und Ablebensversicherung die Höhe des garantierten Kapitals im Vordergrund steht, liegt das Augenmerk einer Rentenversicherung auf der Höhe der lebenslangen garantierten monatlichen Pension. Beide Varianten erlauben zwar eine gewisse Flexibilität: Eine Er- und Ablebensversicherung kann man sich auch in Form einer Rente, bei einer Rentenversicherung wahlweise auch das Kapital statt der Rente auszahlen lassen.
Der Unterschied zwischen den beiden Varianten liegt in den zugrunde liegenden Berechnungsgrundlagen – und zwar, ob die aktuellen Sterbetafeln 2000/02 oder die Rententafeln AVÖ 2005 zur Anwendung kommen. Obwohl letztere bereits von einer höheren Lebenserwartung ausgehen als die Sterbetafeln, ist es für den Versicherungsnehmer wahrscheinlich günstiger sich die aktuellen Rententafeln zu sichern. Denn bei einer Er- und Ablebensversicherung, die erst am Ende der Laufzeit in eine lebenslange Pension umgewandelt wird, kommen die dann gültigen Rententafeln zur Anwendung. Das hat mitunter frappante Konsequenzen: Für eine lebenslange Zusatzpension von 100 Euro muss ein 65-Jähriger heute 21.614 Euro aufbringen, um 62 Prozent mehr als jemand, der bis 1987 eine Rentenversicherung abschloss. Denn die fernere Lebenserwartung hat sich seither nahezu verdoppelt. Der Abschluss einer Rentenversicherung wird zwar zunehmend beliebter. Bei den ablaufenden Verträgen wird die Auszahlung in Form einer lebenslangen Rente bislang aber kaum noch in Anspruch genommen. „Nur fünf Prozent der Versicherten optiert für die Rente, 95 Prozent lassen sich das Kapital auszahlen”, beobachtet Klaus Pekarek, CEO der Raiffeisen Versicherung. Daraus schließt er: „Die Garantie auf eine lebenslange Zusatzpension wird derzeit noch unterschätzt.”

Ob man auch in Zukunft mit den zum Abschlusszeitpunkt gesicherten Rententafeln letztlich wirklich besser dran ist, wie die meisten Versicherungsaktuare behaupten, ist für Manfred Rapf, Vorstand der Sparkassen Versicherung, allerdings fraglich. „Der Wert der Tafel wird überschätzt“, meint er. Denn die über den Garantiezins on top verteilte Überschussbeteiligung „wird verursachergerecht verteilt und kann geringer ausfallen als bei anderen Tafeln.” Das liege, so Klaus Wegenkittel, Aktuar der Ergo Austria Versicherungsgruppe, nicht zuletzt daran, „dass die Sterblichkeitsgewinne je nach Tafel unterschiedlich ausfallen können.”
Wem eine klassische Lebensversicherung aufgrund der mageren Rendite zu langweilig ist, kann bei Versicherungen mittlerweile aus einer ganzen Reihe fonds- oder indexgebundener Produkte mit oder ohne Garantie wählen. Die Erfahrung zeigt außerdem: Je flexibler, umso besser. „Wir verkaufen fast nur noch unsere FlexSolution“, erklärt Werner Holzhauser, Vertriebsvorstand der Uniqa Versicherung. Dieses Produkt bietet dem Versicherungsnehmer vollkommene Flexibilität in der Veranlagung – sie reicht vom klassischen Deckungsstock mit zwei Prozent Garantiezins plus Gewinnbeteiligung über Garantieportfolios mit 100 und 85 Prozent, bis hin zu ertragsorientierten Portfolios mit unterschiedlicher Gewichtung von Anleihen und Aktien und rund 200 Einzelfonds. Und: „Die Veranlagungsstrategie ist während der gesamten Veranlagungsdauer flexibel und kostenfrei veränderbar“, betont Holzhauser. Die neue „s Lebens-Versicherung“ der Sparkassen Versicherung erlaubt zumindest eine flexible Aufteilung der Sparprämie zwischen dem klassischen Deckungsstock und dem s Lebens-Aktienfonds. Allerdings: „Aufgrund der hohen Unsicherheit auf den Finanzmärkten liegt die Aktienquote derzeit im Schnitt nicht über zehn Prozent“, berichtet Rapf. Die Nachfrage nach Garantien ist also unübersehbar. Auch die indexgebundenen Tranchen mit Kapital- und Inflationsschutz für Einmalerläge verkaufen sich wie die warmen Semmeln, obwohl die Assekuranz seit Jahresbeginn ein schwerwiegendes Handicap verpasst bekam: Die Bindefrist für neue Polizzen mit Einmalerlag wurde zu Jahresbeginn von zehn auf 15 Jahre ausgedehnt.
Mit der Einführung der neuen strengeren Eigenkapitalvorschriften (Solvency II), die ab 2013 in Kraft treten sollen, wird es vermutlich schwieriger als bisher werden, Garantien zu bekommen oder man wird mehr dafür bezahlen müssen. Wer also auf Nummer sicher gehen will, sollte mit dem Abschluss einer Lebens- beziehungsweise Rentenversicherung nicht allzu lang warten.

emb

Die Wette gegen die Versicherungsgemeinschaft

Bei Vertragsablauf kann man entscheiden, ob man sich das Kapital in bar ablösen lässt oder als Rente konsumieren will und zwar als lebenslängliche oder als temporäre Leistung. Während bei letzterer das Kapital scheibchenweise über die vereinbarte Laufzeit komplett aufgebraucht wird, geht man bei einer lebenslänglichen Pension eine Wette auf den Tod ein: Lebt man länger als es der statistischen Wahrscheinlichkeit entspricht, dann hat man gewonnen. Je länger dieser Zeitraum ist, umso höher fällt die Rendite auf das eingesetzte Kapital aus. Stirbt man dagegen vor Erreichen der statistischen Wahrscheinlichkeit, dann verfällt das nicht verbrauchte Kapital grundsätzlich an die Versicherungsgemeinschaft.

Ob man zu den Gewinnern oder Verlierern gehört, weiß man in der Regel bei Pensionsantritt noch nicht. Man kann den finanziellen Verlust aber begrenzen, indem man die Rückgewähr des nicht verbrauchten Kapitals samt Gewinnanteilen an die Erben vereinbart. Mit einem Witwen- oder Waisenübergang oder einer zeitlich fixierten Garantierente lässt sich der Verfall an die Versicherungsgemeinschaft ebenfalls hintanstellen. Alle diese Möglichkeiten sind freilich nicht umsonst und kürzen entsprechend die Leistung, also die Höhe der monatlichen lebenslangen Zusatzpension.
Gestaltungsmöglichkeit hat man auch bei der Rentenhöhe: Die sogenannte Grundrente wird jährlich um den erzielten Gewinnanteil erhöht – konkret: Bei zwei Prozent Garantiezins und 3,25 Prozent Gesamtverzinsung wird die Grundrente um 1,25 Prozent angehoben. Bei der sogenannten Bonusrente werden dagegen künftige Gewinnbeteiligungen vorweggenommen. Der Anfangswert ist zwar höher als bei der Grundrente, die jährliche Anpassung fällt meist aber geringer aus. Im Extremfall wird die Bonusrente auch gekürzt – allerdings maximal auf das Niveau der garantierten Rente.