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Bildung mit Haltbarkeitsdatum?!

Stillstand war gestern oder warum lebenslanges Lernen immer wichtiger wird ...


Medizinethiker Dr. Stefan Dinges, Lehrgangsleitung, Universitätslehrgang Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem, Wien

Lehrgangsabsolvent Prim. Dr. Helmut Trimmel, MSc., Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin im Landeskrankenhaus Wiener Neustadt

In modernen Industrieländern ist Wissen zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden. Einzelne Arbeitnehmer, Teams oder Unternehmen bzw. Organisationen – wer die Nase vorne haben will, tut gut daran, sich auf einmal erworbenen Lorbeeren nicht auszuruhen, sondern „wissenstechnisch“ am Ball zu bleiben. Ob es sich dabei um die Vertiefung im eigenen Fach auf Kongressen oder Workshops handelt oder die Ausweitung angrenzender Qualifikationen wie etwa Führungskräfteschulungen für angehende Oberärzte – ein „genug gelernt“ gibt es heutzutage nicht mehr – und schon gar nicht in den medizinischen Berufen!

Lebenslanges Lernen?

Die Anforderungen im Arbeitsleben zwingen zu Flexibilität, Arbeitskräfte müssen es ebenfalls sein und damit kann auch das erworbene Wissen nicht länger von gestern bleiben, sondern muss Schritt halten. Lebenslanges Lernen heißt die Devise, die auch von der Europäischen Union mit speziellen Bildungsprogrammen gefördert wird, wie etwa ERASMUS im Bereich der Hochschulbildung, LEONARDO DA VINCI für die berufliche Bildung oder GRUNDTVIG in der allgemeinen Erwachsenenbildung. Über den gesamten Lebenszyklus eines Menschen soll – jeweils an die berufliche Situation und die aktuellen Lebensziele angepasst – das Wissen ein passendes Update erhalten. Dies ist insbesondere in allen Gesundheitsberufen notwendig – das dort erworbene Wissen hat eine immer kürzere Halbwertszeit. Zugegeben: Wirksamer Wissenserwerb knüpft nicht automatisch an jeden Besuch von Aus- oder Weiterbildungsangeboten und darf sich nicht nur im eigenen Kopf abspielen. Lernen in einer interdisziplinären oder gar multiprofessionellen Gruppe und mit praxisrelevanten Lerninhalten macht vieles leichter. Wenn dann auch noch die eigenen Skills und Kompetenzen verbessert werden und am Ende ein Zertifikat oder ein weiterer Uni-Abschluss steht, dann liest sich das nicht nur im Lebenslauf gut, sondern kann den Weg auf der Karriereleiter deutlich fördern.

Wenn Ärzte zu Managern werden

Österreichs Ärzten ist lebenslanges Lernen ohnehin nicht fremd, müssen sie doch ein Berufsleben lang alle drei Jahre nachweislich 150 Diplomfortbildungspunkte (DFP) sammeln. Während sich diese Fortbildung über Literaturstudium, Kongresse oder Online-Angebote vorwiegend fachspezifischen Themen widmet, gibt es mittlerweile auch eine Reihe von Lehrgängen,  Zertifikatskursen und Masterprogrammen,  die Fähigkeiten vermitteln, die zwar nicht zur Kernkompetenz der Medizin gehören, jedoch in Sachen Führung und Managementfähigkeiten neue Handlungsfelder eröffnen und die individuellen Kompetenzen erweitern. Die (Universitäts-)lehrgänge sind in der Regel berufsbegleitend konzipiert. Durch Blockveranstaltungen wird ein intensives, inhaltlich komplexes und prozessorientiertes Arbeiten sichergestellt. Die Programme wenden sich meist an eine multiprofessionelle Zielgruppe und schärfen daher auch die Kompetenz für ein interdisziplinäres Arbeiten in der Praxis.

Prävention und öffentliche Gesundheit

So bietet zum Beispiel der Universitätslehrgang „Master of Public Health“ (www.mph-vienna.at) der Medizinischen Universität Wien in Kooperation mit der Universität Wien die Möglichkeit, auf dem Gebiet der Prävention oder einer integrierten Lebensstilmedizin die entsprechenden Kompetenzen und Fähigkeiten zu erwerben, um sie zielgruppen- und praxisorientiert im Sinne von Prävention und öffentlicher Gesundheit anwenden zu können. Damit verbunden ist der Erwerb von umfassenden theoretischen Grundlagen und fachlichen Qualifikationen für Steuerungsaufgaben und Verantwortung im Gesundheitswesen.

Patientensicherheit organisieren

Der MSc-Universitätslehrgang Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem (www.postgraduatecenter.at/patientensicherheit) ist kein zahnloser Modertrend; er reagiert auf den großen Bedarf im Bereich des Risiko- und Fehlermanagements bzw. der Patientensicherheit in den komplexen Organisationen des Gesundheitswesens.
„Das Setting der Ausbildung bietet den optimalen Rahmen, um ein komplexes Thema interprofessionell aufzuarbeiten und in der Praxis nicht nur für mehr Patientensicherheit, sondern auch für die entsprechende Mitarbeitersicherheit zu sorgen“, erklärt Medizinethiker Dr. Stefan Dinges, der gemeinsam mit dem Intensivmediziner Univ.-Prof. Dr. Andreas Valentin, MBA, ab Herbst die Lehrgangsleitung übernimmt. Verschiedene Krankenhausträger fördern diese Ausbildung und rekrutieren Führungskräfte aus dem Pool der Absolventen, 30 Prozent konnten eine entsprechende Aufgabe während oder unmittelbar nach dem Universitätslehrgang übernehmen.
Prim. Dr. Helmut Trimmel, MSc., Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und Allgemeine Intensivmedizin im Landeskrankenhaus Wiener Neustadt, ist einer der ersten Absolventen und beschreibt die Veränderungen, die er durch die Ausbildung beobachtet hat: „Die Vorteile zeigen sich in einem vertieften Wissen um die Bedeutung von Patientensicherheit im klinischen Alltag und die Möglichkeiten, das neu erworbene Wissen rasch in der Praxis umzusetzen.“

Konflikte konstruktiv lösen

Konflikte sind Teil der Arbeitswelt. Im Sinne der reibungslosen und sicheren Patientenversorgung ist es gerade für das mittlere Management unerlässlich, Kompetenzen im Konfliktmanagement und der Konfliktlösung auf- und auszubauen. Dazu gibt es aktuell ein eigenes Weiterbildungsangebot, das sich an Ärzte, Pflegende und psychosoziale Berufe im Gesundheitswesen richtet: den zweisemestrigen Lehrgang Gesundheitsmediation (www.oearp.at), der einen Mittelweg zwischen Rechtsberatung und gerichtlicher Auseinandersetzung, aber auch zwischen Therapie und Supervision anbietet. Mediation ist eine strukturierte Form der Konfliktlösung, bei der ein Mediator die Konfliktparteien begleitet, um in Eigenverantwortung Verständnis und Lösungen für ihre divergierenden Interessen zu erarbeiten. Mediation im Gesundheitswesen spielt etwa bei eskalierten Konflikten im Behandlungsprozess eine Rolle, kann aber auch in der Rehabilitation eingesetzt werden, um eine Reintegration in den beruflichen und privaten Alltag zu fördern.

Postgradualer Lehrgang „Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem“

Nächste Infoabende: 25. Juni 2013 und 18. September 2013, 18.00 Uhr
Ort: Seminarraum des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Campus der Universität Wien, Spitalgasse 2-4, Hof 2.8,
1090 Wien
Info & Kontakt: www.postgraduatecenter.at/patientensicherheit