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Architektur zum Wohlfühlen

„Architektur wird von Menschen für Menschen gemacht“ – so einfach lässt sich das Credo der modernen Architekturpsychologie auf den Punkt bringen. Alles andere als einfach ist allerdings dessen Umsetzung in konkreten Projekten.


„Der Mensch wird von der Architektur geformt, in feste Formen gezwängt, anstatt dass er das Maß all der Dinge ist, die für ihn gestaltet werden“, sagt Dr. Helgi-Jon Schweizer, Dozent für Architekturpsychologie an der Universität Innsbruck. Anstatt unvoreingenommen die Augen dafür zu öffnen, wie Menschen Wohngebäude, Arbeitsräume, Wege und Plätze benutzen und beleben, versuche man vielmehr, ihnen im Nachhinein das Bauprodukt mit schönen Worten zu verkaufen.
Das Theoriemodell der Architekturpsychologie ist als Gegenentwurf zu verstehen. Es stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Architektur, den Menschen als Erbauer, genauso aber auch den Menschen als Bewohner. „Die Architekturpsychologie“, sagt Schweizer, „setzt beim Menschen, seinem Erleben, Erkennen, Werten und Wünschen an und bringt diese Aspekte in die architektonische Diskussion ein.“

Weil aber jeder Raum von jedem Bewohner oder auch von jedem „Benützer“ unterschiedlich erlebt wird, stellt das den planenden Architekten vor eine immense Herausforderung. „Flexible Gestaltung“ lautet in diesem Sinne eine der zentralen Anforderungen an die moderne Architektur. Zudem führt das zeitgeistliche Streben nach „Individualität“ und Selbstverwirklichung zu einem wachsenden Bedürfnis, die gebaute Umwelt den eigenen Ansprüchen und Eigenheiten anzupassen, nicht umgekehrt.

„Entängstigung“ der Patienten

„Architektur kann krank machen und zur Genesung beitragen“, ist Schweizer – er ist Gründungsmitglied und derzeit zweiter Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architekturpsychologie (www.architekturpsychologie.at) – überzeugt. Sie könne dies sowohl im privaten, häuslichen (Wohn-)Umfeld als auch in speziellen auf Genesung ausgerichteten Einrichtungen, etwa Krankenhäusern, Sanatorien und Heimen: „Die Wirkung der Architektur betrifft Patienten und Personal gleichermaßen. Das Sanatorium, in dem die Patienten gesunden, jedoch das Personal krank wird, ist ebenso abwegig wie jenes, bei dem die Verhältnisse umgekehrt sind.“
Die innerhalb der Psychologie noch junge Disziplin der Architekturpsychologie hat ihre Wurzeln in den 1950er-Jahren. Die erste Frage, mit der sie sich damals wissenschaftlich auseinanderzusetzen hatte, lautete: Wie können psychiatrische Krankenhäuser so geplant werden, dass ihre architektonischen Eigenschaften die therapeutische Arbeit mit den Patienten unterstützen?

Die praktische Umsetzung der psychologischen Erkenntnisse ist gerade in der Krankenhausarchitektur bislang allerdings seltener gelungen als misslungen, findet Schweizer: „Moderne Krankenhäuser sind geprägt von dem Prinzip der Kontrolle. Sie sind mehr Maschine als Aufenthaltsort für kranke Menschen. Bei ihnen rächt sich auf besonders augenfällige Weise die traditionelle Missachtung der psychischen Seite des Heilungsprozesses.“

Auch in Arztpraxen wird die Frage – welche Raumumgebung unterstützt Heilungsprozesse? – immer häufiger „zu einer Wettbewerbsfrage“, vermutet der Wirtschaftspsychologe und Psychotherapeut Mag. Norbert Krennmair: „Die Raumwirkung eines Wartezimmers, in dem ich gemeinsam mit Kranken stundenlang warten muss, hat enormen Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich bin mir sicher, dass viele Patienten deswegen nicht zum Arzt gehen.“ Zahnärzte seien da im Übrigen schon einen Schritt weiter als etwa praktische Ärzte, findet Krennmair: „Zahnärzte leisten sich etwas mehr Raumunterstützung in der Entängstigung ihrer Patienten.“

Lebensraum Arbeitsplatz

Der Lebensraum Arbeitsplatz ist das wichtigste menschliche Ökotop und damit einer der Haupteinflussfaktoren auf die Lebens- und Arbeitsqualität. Die Gestaltung und Raumoptimierung von Arbeitsumgebungen hat wesentlichen Einfluss auf Erleben und Verhalten, oder, wie es Krennmair treffender ausdrückt: „Da wir einen großen Teil des Tages in der gleichen räumlichen Umgebung verbringen, ist es raumpsychologisch klar, dass diese Feedback-Schleife Mensch und Raum auf unsere Verfassung einwirkt, Stimmungen erzeugt und diese moduliert.“
Die Gestaltung einer funktionierenden und anregenden Arbeitsumwelt kann aber auch ganz banale ökonomische Gründe haben. Immerhin hat sich inzwischen auch bei den Unternehmern die Erkenntnis durchgesetzt, dass zufriedene Mitarbeiter auch produktive Mitarbeiter sind. Daher werden Architekturpsychologen engagiert, um Effizienz und Unternehmensbindung des Personals zu erhöhen. Und warum auch nicht, wenn am Ende eine Win-win-Situation für Unternehmer und Mitarbeiter gleichermaßen erreicht wird.
In seiner Seminararbeit „Raumpsychologie“ an der TU Graz schreibt Gernot Tilz zum selben Thema: „Im behaglichen Zustand arbeitet der Stoffwechsel sowie der Energieumsatz im menschlichen Körper auf einem relativen Minimum, dessen Niveau von der Körperaktivität abhängt. Der Kreislauf ist dann vergleichsweise entlastet. Folge davon sind große Leistungsreserven und höhere Belastbarkeit des Organismus. Daher ist eine angepasste Raumsituation nicht als Komfort anzusehen, sondern vielmehr als Erfordernis in Hinblick auf Leistung und Gesundheit.“

Unbestritten ist heute, dass Mitarbeiter immer mehr Druck und Stressbelastungen ausgesetzt sind und immer mehr Zeit an ihrer Arbeitsstätte verbringen. Umso erstaunlicher ist es, sagt Krennmair, dass wir trotzdem so wenig Energie in deren Gestaltung investieren. Das habe wohl viel damit zu tun, dass uns die Räume „ja nicht gehören. Lieber schauen wir Stunden auf eine graue Wand und wundern uns, wenn wir depressiv werden, anstatt uns zu fragen: Welche positiven Gestaltungseinflüsse kann ich an meinem Arbeitsplatz setzen?“     vw

Foto: Hertha Hurnaus

Hightech-Klinikum mit Wohlfühlcharakter

Das Klinikum Klagenfurt wurde mit dem Bauherrenpreis 2011 ausgezeichnet, weil es eine „Neudefinition einer dezentralen niedrigen ‚Gartenstadt‘ darstellt, die einen deutlichen Gewinn an Orientierungs- und Aufenthaltsqualität für Patienten wie Besucher bietet“, beurteilte Jurymitglied Otto Kapfinger. Der renommierte Architekt lobt vor allem die „entspannte, humanzentrierte Atmosphäre“.

Leitbild für den projektleitenden Architekten Richard Klinger war „die Steigerung des Wohlbefindens der Patienten und der Mitarbeiter“. Für das Planungsteam sei das Menschliche im Fokus gestanden: „Die Patienten sollen sich wohlfühlen und genesen“.