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Angstneurosen bei Kindern und Jugendlichen

Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen sind kein neues Thema. Rund zehn Prozent sind davon betroffen.


EXPERTIN: Ass. Prof. Dr. Sabine Völkl-Kernstock
Medizinische Universität Wien; Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien
Tel.: 01/40400-2161
sabine.voelkl-kernstock(at)meduniwien.ac.at

Angst im Dunkeln? Angst vor großen Tieren? Angst vor dem Alleinsein? – Viele Ängste sind „typisch“ im Entwicklungsprozess eines Kindes oder eines Jugendlichen. Als Angststörung hingegen werden krankhafte Zustände bezeichnet, bei denen starke Ängste oder Panikattacken scheinbar grundlos und unangemessen auftreten und nicht die Folge von körperlichen Erkrankungen oder Suchtmittelmissbrauch sind. Es geht also nicht um Ängste vor echten Bedrohungen und auch nicht um jene, die Teil der altersgemäßen Entwicklung sind. „Eine sehr häufige Störung bei Kindern und Jugendlichen ist die Trennungsangst“, weiß Dr. Sabine Völkl-Kernstock von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und ergänzt: „Das Spektrum der Angststörungen hat auch im Kindes- und Jugendalter viele Gesichter und oft ist auch der Verlauf sehr unterschiedlich. Das reicht von unerwarteten Panikattacken über lang anhaltende Angst, ohne zu wissen, wovor (generalisierte Angststörung), bis hin zur Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen (Phobien).“ Wichtig ist es, den Ursachen rasch auf den Grund zu gehen, denn die Symptome werden – bleiben sie unbehandelt – schlimmer und weitere Komplikationen wie Depressionen, Suchtmittelmissbrauch sowie eine Reihe körperlicher Folgeerkrankungen können auftreten. „Es ist daher wichtig, eine Angststörung möglichst frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln. Das Verstehen der Funktionsweise von Angststörungen kann dazu beitragen, den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen“, ist die Expertin überzeugt.

Die Rolle der Kinder- und Schulärzte

Meist sind Kinderärzte die Hauptansprechpartner, wenn es um Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen geht, denn von einer flächendeckenden Versorgung mit Kinder- und Jugendpsychiatern oder klinischen Psychologen sind wir noch weit entfernt. „So wie sich etwa Depressionen bei Männer und Frauen anders manifestieren, ist es auch wichtig zu wissen, dass junge Buben und Mädchen ihre Ängste anders verarbeiten und zeigen. Während Mädchen eher zurückhaltend sind, zeigen sich Buben deutlich aggressiver“, weiß Völkl-Kernstock. Eine zentrale Rolle spielen auch die Schulärzte, wenn es um das Erkennen von Angstneurosen geht: „Oft fallen Kinder mit Angststörungen in der Schule durch eine vermeintliche Schulangst auf. Pädagogen und Schulärzte sind dann gefordert, rasch zu reagieren und die Betroffenen zu einschlägigen Einrichtungen, Ambulanzen oder Kliniken zu schicken“, betont die Expertin.

Nachgefragt bei ...

... Dr. Sabine Völkl-Kernstock, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Medizinische Universität Wien

Was wäre für Sie der nächste wichtige Schritt in der Entwicklung des Themas?
Mein Wunsch wäre natürlich eine rasche Diagnose und das Einleiten der passenden Therapie, aber dazu braucht es dann viel Zeit und Einblick in die Situation des Kindes und der Familie. Das kann der Kinderarzt oder der Schularzt nicht immer im gewünschten Umfang leisten. Bevor eine Diagnose feststeht und eine Behandlung beginnen kann, äußert sich die Angstneurose oft verdeckt, etwa mit psychosomatischen Reaktionen, Bauchweh, Kopfweh oder Einnässen. Viele Untersuchungen sind daher nötig, um ein organisches Leiden auszuschließen.

Werden Eltern dann auch mitbetreut?

Natürlich wäre das die optimale Form, gerade in sozial schwachen Familien. Doch das ist aufgrund der vorhandenen Ressourcen derzeit praktisch nicht möglich. Oft sind die Eltern sehr verunsichert und brauchen lediglich Beratung, es muss ja nicht gleich ein Therapieangebot für die Erwachsenen sein. Wichtig wäre, den Eltern wieder mehr Sicherheit für ihre Rolle zu geben.

Was sind Ihre größten Wünsche, wenn es um die Verbesserung der Situation geht?
Mehr Betreuungsplätze, mehr niederschwellige Angebote und mehr Unterstützung für die Eltern von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten – das ist keine neue Forderung, doch hier bewegt sich sehr wenig. Für die Praxis wünsche ich mir gerade bei den sogenannten „Schulverweigerern“ eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern, Arzt und Psychologen, damit frühzeitig reagiert werden kann und nicht erst dann, wenn die Kinder schon wochenlang keine Schule besucht haben und sich ihr Tag-Nacht-Rhythmus völlig umgestellt hat. Hier gegenzusteuern ist dann sehr schwierig und zeitaufwendig.