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Abbruch oder Ausrede?

Laut WHO wird die Depression 2030 zur Volkskrankheit Nummer eins, noch vor den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Österreich sind über 400.000 Menschen betroffen.


Kontakt: Mag. Dr. Peter Stippl
Psychotherapeut, Supervisor, Trainer & Coach, Vizepräsident des Bundesverbandes für Psychotherapie, peter(at)stippl.info, www.stippl.info

„Es ist Stand der Forschung, dass bei schweren Depressionen und bipolaren Störungen die Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten und den niedergelassenen Ärzten zu besseren Therapieergebnissen führt und auch eine gute Beziehung zwischen Patient und Therapeut für das Ergebnis eine wesentliche Rolle spielt“, weiß Psychotherapeut Mag. Dr. Peter Stippl, Vizepräsident des Bundesverbandes für Psychotherapie. Rund 900.000 Menschen pro Jahr nehmen aus psychischen Gründen Leistungen der Sozialversicherung in Anspruch, wobei der überwiegende Teil pharmakologische Interventionen betrifft. Weit weniger Betroffene nehmen psychotherapeutische Behandlung in Anspruch. Führt der Weg zum behandelnden Hausarzt, stehen oft somatische Beschwerden beim Patientengespräch im Vordergrund, schon allein deshalb, weil psychische Erkrankungen und erst recht eine Depression nach wie vor nicht „gesellschaftsfähig“ sind. „Über Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates, Migräne oder Magenschmerzen spricht es sich leichter als über Depressionen“, weiß Stippl. Demnach ist auch die Dunkelziffer weitaus höher, als vermutet wird und noch schwieriger ist es, valide Aussagen über die Therapietreue zu machen. Vor allem kann der „Therapieabbruch“ bei einer Major Depression mit ihrem phasenhaften Verlauf in einer Phase geschehen, in der es dem Patienten besser geht und er nur geringere psychotherapeutische Betreuung benötigt. Oder aber die Ursache des Abbruchs besteht in einem Missverhältnis der Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Klient und der Klient entscheidet sich, einen anderen Therapeuten aufzusuchen. Nicht zuletzt stellt der verfügbare Termin eine Herausforderung für die Therapietreue dar, denn nicht das Angebot an Psychotherapie ist die Engstelle, sondern die Kassenleistungen.
„Oft ist es gerade für Patienten mit schweren Depressionen keine leichte Aufgabe, den für sie passenden Therapeuten zu finden, denn sie sind aufgrund ihrer Erkrankung meist wenig reflektiert in ihrem Verhalten und können daher auch nicht immer Feedback geben, ob sie Schwachstellen in der Zusammenarbeit mit dem Therapeuten orten. Wer lange auf einen Termin warten muss, überlegt es sich dann vielleicht auch zweimal, ob er die Leistung dann gerade bei diesem Therapeuten wieder in Anspruch nimmt oder einen Wechsel ins Auge fasst“, weiß Stippl aus Erfahrung. Keine Zeit zu haben, ist oft ein beliebter Vorwand, sich bei einem Therapeuten nicht mehr zu melden. „Hier versuche ich, den Klienten entgegenzukommen, indem ich anbiete, einen Termin zu reservieren und ein paar Tage über das Ergebnis der Sitzung nachzudenken, sodass der Betroffene nicht sofort entscheiden muss und sich vielleicht überfordert fühlt“, gibt der Experte Einblick in die Vorgangsweise.
Ob ein Therapieabbruch oder nur eine „Pause“ vorliegt, kann unter anderem daran festgemacht werden, ob ein Abschlussgespräch stattgefunden hat. „Selbst hier ist noch eine gewisse Unschärfe gegeben, denn Phasen der Besserung können drei Wochen oder drei Jahre dauern und eine Beendigung der Betreuung kann, muss aber nicht notwendigerweise ein Abbruch sein. Lustvoll ist eine Psychotherapie nie und die Gründe für die mangelnde Compliance sind vielfältig“, fasst Stippl zusammen. Ebenso sieht der Experte die Lösung auf unterschiedlichen Ebenen: „Für mich ist die Grundhaltung des Therapeuten wichtig. Hat er die Überzeugung, helfen zu können, dann sind die Voraussetzungen schon sehr gut. Dazu ist noch eine gute Portion Geduld und das Arbeiten frei von Druck und Aggression wichtig, denn gerade bei schweren Depressionen ist das Umfeld für den Patienten aggressiv und belastend genug. Hier gibt es kein Patentrezept. Je eher der Therapeut einfühlsam den Patienten abholt, wo er steht, umso besser sind die Chancen auf Compliance!“, meint Stippl.